Grande Fossa. H2SO4-Husten.

 

Nachdem wir einige Tage beim Klettern in San Vito lo Capo ausharren „mussten“, da die winterlichen settentrionalen Winde im Vollgas über die Insel heizten, kündigte sich eine windschwächere Periode an. Die Chance wollten wir unbedingt nutzen, um unseren Plan, so viele Vulkane wie möglich zu befliegen, in die Tat umzusetzen. So packten wir Kowalski auf ein Neues und folgten der recht günstigen Autobahn bis nach Milazzo mit dem ersten Ziel vor Augen: Vulcano.

Küstenfliegen ist uns schon ein Rätsel, aber Inselfliegen sollte nochmal eine ganze andere Liga aufmachen. Vor allem, wenn die Inseln gemäß der griechisch-römischen Mythologie nach dem Windgott Äolus benannt sind… Die Isole Eolie oder auch als Liparische Inseln bekannte Inselgruppe vulkanischen Ursprungs besteht aus insgesamt sieben bewohnten Inseln im Tyrrhenischen Meer: Alicudi, Filicudi, Salina, Lipari, Vulcano, Panarea und Stromboli. Ergänzt werden die Einländer durch die Felsklippen Basiluzzo und Strombolicchio. Die Vulkankette erstreckt sich vom Vesuv bis zum Etna und hat ihren Ursprung der tektonischen Bewegung der afrikanischen Platte unter die apulische Platte. Geplant war ursprünglich nur der Flug vom Stromboli, aber weil das Wetter so viel versprechend war, wollten wir noch den Vulkan der Vulkane – Grande Fossa – auf Vulcano zwischenschieben. Während Stromboli permanent am Prusten, Husten und Pupsen ist, schlummert Grande Fossa tief und fest. Ist somit eine tickende Zeitbombe, die hoffentlich nicht hochgehen sollte, während wir am Kraterrand unsere Schirme auslegen würden…

Stresspunkt Nummer Eins bei einem Ausflug auf die Inseln war die Frage: dude, where do I leave my car? Wer sein Vehikel liebt, der sollte es vermutlich nicht auf einem der öffentlichen Parkplätze in Hafennähe lassen. Wir fuhren also zuerst zum Hafen und erkundigten uns über die nächste Fähre – die wegen starkem Seegang ggf. nicht abfahren sollte. Zwischenzeitlich telefonierte ich die „Garagen“ ab. Als der Kapitän das Go für die nächste Abfahrt gab, kauften wir unser Ticket und rasten zur Garage Ferrari. Nach einem Anruf kam ein recht schmieriger Italiener in seinem dicken Benz an und wollte uns auf das Gelände geleiten. Plötzlich gab es keinen Garagenstellplatz mehr, sondern nur noch einen Aussenstellplatz. Keine Kameras, nur ein mickriger Zaun und trotzdem 12 Euro/24 h. Nein danke. Zweiter Versuch bei den Garage delle Isole. Die Dame wollte für die Größe unseres Autos zuerst 18 Euro für einen Garagen- und 14 Euro für einen Aussenstellplatz. Immerhin war der Platz von einer hohen Mauer umgeben, nicht einsehbar und vor allem kameraüberwacht, so dass wir uns auf 12 Euro einigten. Ein weitere Plus ist auch, dass der Transfer zur Fähre inklusive ist und uns ein äußerst liebenswürdige Herr zum Dock chauffierte. Kurz vor knapp stiegen wir dann auf unseren Aliscafo und stachen in die See.

Übrigens: in der Weihnachtszeit gibt es auf Nachfrage die Tickets mit mind. 50 % Vergünstigung auch für Touristen dank einer Promozione Natale. Die Aliscafi von LibertyFerrys sind günstiger, als die Dampfer von Sarimar, wobei man hier darauf achten mag, ob es eine staatlich oder regional geförderte überfahrt ist. Wir haben von Milazzo nach Vulcano z.B. ca. 19 Euro für 2 Personen gezahlt. Vulcano – Lipari sind es 2,70 € p. P. mit den Liberty Fernes und 4,80 € mit Sarimar. Stromboli – Milazzo mit einem langsam Boot hingegen kostet für 2 Personen mit Weihnachtsrabatt nur 16,40 €. Es werden unterschiedliche Boote verwendet, die wobei die staatliche Überfahrt auf einem Kufenboot zeitlich vorteilhaft wäre.

Im ersten Moment fragte ich mich, ob das Thema „Der Kapitän weiß wegen Seegang noch nicht, ob die Fähre fährt“ wieder irgendeine Masche war. Auf dem Boot wurden dann klar wieso. Wellengang von 2-3 Metern, dass sogar mir übel wurde. So schaukelten wir eine Stunde Richtung Lipari mit next stop Vulcano. Als wir ankamen dämmerte es bereits und beim ersten Schritt vom Boot begrüsste uns ein stechender Geruch in der Nase. Beim heißen Bad in der öffentlichen Quelle von Lamezia Terme haben wir uns bereits mit dem Geruch von gekochten/faulen Eiern auseinandergesetzt – Schwefelwasserstoff halt. Bei entsprechender Konzentration im Bad mit heilender Wirkung. Vulcano hat eine andere Duftnote. Ein stechend-saurer Geruch, der mich ans Grundpraktikum Anorganische Chemie im ersten Studienjahr erinnerte: eindeutig Schwefeldioxid. Im Gegensatz zu Schwefelwasserstoff, das bereits in geringsten Mengen übel riecht und in der Regel erst bei hohen Konzentrationen toxisch wirkt, ist SO2 eine fiese vulkanische Ausdunstung. Man erinnere sich an den historischen Brand der Schwefelfabrik von London, wonach es sauren Regen gab und dasselbe passiert beim Atmen auch gerne mal in der Lunge (Oxidation von Dioxid zu Trioxid, wonach in Kombination mit Wasser die gute Schwefelsäure entsteht)…daher die schleimhautreizende Wirkung.

Die ersten Schritte führten uns direkt zu den Acque Calde von Vulcano, wo es auch das berühmte Fangopangotango-Bad geben soll. Im Meereswasser am Strand blubberte es, genauso wie im braunen Schlammteich. Von Wärme war hier jedoch nix zu spüren, eiskalt ist das Wasser! Scheinbar ist der Heizstab kaputt…Baden werden wir hier also nicht, aber landen alle mal. Nachdem wir in dem einzig geöffneten Hotel direkt am Hafen eingecheckt haben und uns mit dem überaus freundlichen und tiefenentspannten Rezeptionisten/Bootticketverkäufer unterhalten haben, machten wir uns auf die Suche nach etwas zu Essen. Auf der Insel waren insgesamt zwei Restaurants offen, wir entschieden uns für einfache Pizza, wobei man für nicht-Vegetarier mit Sicherheit ein Restaurant, wie Maurizio’s empfehlen kann (verrückter Künstler). Die Äolische Küche ist nämlich für ihre Fischspezialitäten bekannt.

Am nächsten Morgen stiefelten wir nach einem typisch italienischen Frühstück noch bei Dämmerung los Richtung Grande Fossa. Man kann den Hügel kaum verfehlen, man folgt den braunen Schildern „Al Cratere“ und muss das erste Stück die Asphaltstraße folgen. Nach ca. 1,3 km erreicht man dann den Wanderweg, wo wir ein Sperrschild vorfanden – geschlossen wegen Fumarolen = Lebensgefahr. Naja, bevor wir den gesamten Kegel umrunden würden, um von der Südseite aufzusteigen, wollten wir das Risiko eingehen und meisterten die ersten Serpentinen begrünten Unterholz, das schnell zu einer Landschaft aus schwarzem Sand wechselte. Die Flora ist eher karg und der Weg zum Teil mit vom Regen ausgespülten Rinnen durchzogen. Halbe Hanghöhe wechselt dann der Untergrund von feinem schwarzen Sand zu roter Tonerde. Nach keinen 100 Höhenmeter erreicht man dann den Gran Cratere, wo es flach wird und man einen weiteren Landschaftwechsel vorfindet – schwarze Geröllwüste.

Hier kann man sich rechter Hand zur Umrundung des Kraters aufmachen, um auch die Fumarolen zu vermeiden. Wir erwarteten zunehmenden Wind und hatten somit die Zeit im Nacken, so dass wir die kürzere Variante wählten, obwohl die Rauchwand nicht unbeeindruckend war. Den direkten Weg sollte man ohne Atemschutzmaske nicht wagen, wir stiegen also einen bereits leicht ausgetreten Steig hinter dem Heliport hinab, der uns unterhalb der vulkanischen Exaltationen entlang führte. Ein wirklich interessantes Wegl, wenn man weit weg genug von den bis zu 800 °C heißen Dämpfen bleibt. Wie heiß sie aktuell waren, wollten wir nicht herausfinden. Jede Austrittsöffnung war in den unterschiedlichsten Gelbtönen gefärbt, die Dank thermophilen Bakterien in neongrün bis sonnenblumengelb leuchteten. Wie zur Zeit alle nicht erloschenen Vulkane in Süditalien war die Grande Fossa in einer aktiveren Phase – erst vor ein paar Tage war der Etna mal wieder ausgebrochen und Stromboli zierte sich auch mit einer unübersehbaren Panache.

So erreichten wir den höchsten Punkt der Grande Fossa von nördlicher Seite und meinte wohl eher empfindliche Lunge brannte bei einem bösen Husten. Zum Glück war der Wind so schwach und leicht aus West, so dass uns die Rauchschwaden nicht erreichten und wir tief durchatmen konnten. Auch wenn die Grande Fossa nicht die höchste Erhebung Vulcanos ist, ist die Aussicht grandios. In den Norden schauend sieht man die Inseln Lipari und Salina, westlich Fili- und Alicudi, während im Osten der Stromboli raucht. Im Süden hingegen entdeckt man vom Kraterrand die Hochebene Vulcanos, die wir beim nächsten Besuch unbedingt erkunden wollen und auch die immense Rauchwolke, welche vom Etna aufsteigt und den Flughafen von Catania lahmgelegt hat, kann man nicht übersehen. Beeindruckend und erschreckend zugleich.

Der Startplatz ist nun wirklich ein Traum. Neben einem Steinhaufen findet man nämlich eine sandige Kuppe die mit nur wenigen Lavasteinen überseht ist. Theoretisch kann man hier in alle Himmelsrichtungen starten. Bei einem Südwind z.B. kann der Vulkan westlich umflogen werden und wenn die Höhe nicht reicht, gibt es auf der Westseite auf ca. 100 amsl eine großzügige teils bewieste teils sandige Landemöglichkeit.

Wir hingegen hatten eine sehr schwache Brise aus West-Nordwest und somit ideale Flugbedingungen für einen ersten Inselabgleiter. Alex startete noch in einer guten Windphase, während ich ihm bei Nullwind Richtung Strand fliegen beobachten durfte. Irgendwann jedoch regte sich wieder ein Lüftchen und auch ich umflog die Fumarolen großzügig, um am Strand Delle Acque Calde zu landen. Bei einem stärkeren settetrionalen Wind empfiehlt sich unter Umständen zur Spiaggia delle Sabbie Nere zur Landung anzusetzen, um ein Lee und die ablandige Windsituation zu vermeiden. Ansonsten ist die Landung problemlos.

Beim Packen unserer Schirme machten wir noch eine nette Bekanntschaft mit zwei französischen Fliegern, die soeben von Lipari übergesetzt haben und ebenfalls einen Hike & Fly vorhatten. Nachdem wir sämtlich Tipps und einen Lagebericht ausgetauscht hatten, machten wir uns auf nach Lipari, während die beiden zur Mittagszeit auf Grund von Starkwind (25 – 30 km/h West) 2 Stunden auf Besserung am Kraterrand ausharrten. Der Start war bei den Bedingungen dann nur noch auf der Westseite des Kraters von 250 amsl möglich, jedoch soarte es dafür noch wunderbar!

Fazit: von allen Vulkanen war mir die Grande Fossa die liebste und auch Vulcano selbst ist eine faszinierende Insel, die einen auf wundersame Weise zum Wiederkehren verführt. Die Menschen sind unheimlich freundlich und strahlen eine unbeirrbare Ruhe aus. Gerade das Potential hier anfängertauglich bei unterschiedlichen Bedingungen fliegen zu können, machen die Insel attraktiv für einen fliegerischen Besuch.


Informationen.


NameGrande Fossa
GruppeVulcano
RegionIsole Eolie
Startrichtungenalle
TalortPorto di Levante
GPS (Berg)38.403328, 14.965554
GPS (Tal)38.417402, 14.959474
Höhe Startplatz [amsl]340
Höhenunterschied [m]340
AufstiegsvariantenMan folgt dem gut markierten Wanderwegen Richtung "Cratere"
StartplatzSandiger Startplatz ohne Hindernisse und einfachen Startbedingungen.
FlughinweiseÜberflug des Vulkankegels ist zu vermeiden
LandeplatzDer Landeplatz ist eher lang als schmal, Höhe bei stärkerem Wind über Land abbauen.
Talwind am Landeplatzk. A.


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.