Vesuvio. Napoletanische Gastfreundschaft.

 

 

Nach zwei Tagen an der Costiera Amalfitana, wo wir uns mit einem Trailrun entlang dem Sentiero degli Dei oder eine Kletterpartie oberhalb von Salerno begnügten, sollte endlich der stürmische Wind abflauen. Schwacher Südwestwind mit Risiko auf Westwind bis zu 10 km/h waren am Vesuv angesagt – unsere Chance. Somit sind wir von Salerno über die Autobahn für 2,20 Euro nach Neapel gerollt, um uns dann durch die wahnsinnig engen, überfüllten, laute Gassen der neapolitanischen Speckgürtels zu kämpfen.

Das Hauptproblem beim Gleitschirmfliegen vom Vesuv ist nicht unbedingt der Startplatz oder die Meeresbrise, es ist die Suche nach einem geeigneten Landeplatz. Von Neapel über Pompei bis nach Salerno reihen sich Haus an Haus, Grundstück an Grundstück, Vignola an Vignole und alles ist überdacht von unzähligen kreuzverqueren Stromleitungen. Ein freies Fleckchen mit mehr als 30 m x 30 m ist schon eine Herausforderung. Es gibt zwar einen vermeintlich offiziellen Landeplatz in Ercolano, der bei einem Start von SW gut erreichbar wäre – dies ist wohl primär denen gut gelegen, die mit dem PKW/Bus auf den Vulkan zu fahren planen. Wir wollten wie immer per piedi auf den schlafenden Drachen.

Von der Westseite gibt es die offizielle Fahrstraße, wo man auch mit Privat-PKW rauffahren sollen kann. Im Sommer ist das vielleicht keine so gute Idee, aber im späten Herbst oder Winter mit Sicherheit eine gute Alternative zum Hike. Wir wollten jedoch den Aufstieg von Südosten aus probieren und suchten somit per Satellit nach attraktiven Wiesen im Gleitwinkelbereich (ca. 6 km Radius). Die Wahl fiel auf den Lavakies-geschotterten Parkplatz des Beer Gardens mit dahinterliegendem Wiesenstück. Die Hoffnung hier übernachten und eventuell unser Auto halbwegs überwacht den Tag über stehen lassen zu können.

Die Realität war: Beer Garden öffnet erst um 20 Uhr und die ganze Peripherie Neapels ist nicht unbedingt vertrauenserweckend. Unschön und von Wohlfühlatmosphäre war gar nicht die Rede. So saßen wir am späten Nachmittag im Bus beim Essen und wussten nicht so recht, wie wir die Situation einschätzen sollten. Zwischendurch hielt neben uns ein Fahrzeug und wie es sich herausstellte, war es der Wirt. Auf die vielen Fragen hin, meinte er wir sollen später vorbeikommen und dann sehen wir weiter. Einerseits etwas ermutigend, andererseits war seine Reaktion auf die Frage „Ist es sicher das Auto hier stehen zu lassen Übertrags?“ eher zurückhaltend…Muss man in Neapel Glück haben um nicht Opfer von Kriminalität zu werden oder sollte man einfach nur kein Pech haben? Plan A war es abends im Beer Garden (war sich als formidables Restaurant entpuppte) etwas trinken zu gehen und mit dem Wirt zu plaudern. Plan B war es am nächsten morgen mitten in Trecase auf dem öffentlichen Parkplatz zu parken und lieber 2 km weiter zum Berg zu laufen.

Typisch für die Italiener ging es erst um 20 Uhr richtig los und der erst unscheinbare leicht verwahrloste Parkplatz füllte sich mit Leben. Keine Stunde und da standen 30 PKWs. Wir genossen unsere vorzüglich Weißwein und Tiramisu zum Nachtisch, wonach wir mit dem Wirt einen Plausch hielten. Er meinte es wäre kein Problem, wenn wir bei ihm parken würden, das einzige Problem war nur, dass er das Tor zur Einfahrt absperrt über den Tag. Aber wir sollen ihm folgen. Draußen stelle sich heraus, dass ein älterer Herr als Parkplatzwächter engagiert war (während der Öffnungszeiten des Beer Garden) und er sollte uns dann am nächsten Tag vom Gelände lassen, da er die Schlüssel hätte und in der Nähe wohnen würde. Soweit so gut. Was dann kam, hat jedoch niemand erwartet: Nicolà.

Der Herr konnte nicht fassen, dass wir hier im Auto nächtigen wollten und lud uns zu sich nach Hause ein (also nachdem wir ihm versicherte, dass wir keine Waffen bei uns tragen…??). Wir versprachen ihm dann noch, dass wir mit Bett und Standheizung sehr gut unterwegs waren und es absolut kein Problem sei, sogar recht heimelig im Auto war. Darauf wurden wir gedrängt zumindest bei ihm auf den Hof zu fahren, denn dieser sei abgesperrt und das Grundstück von einem hohen Zaun umgeben. Am nächsten Morgen dürften wir auch das Auto bei ihm stehen lassen und er würde uns das Tor aufsperren, sobald wir gelandet seien. Bei der liebevollen Herzlichkeit kann man nicht nein sagen. Wir folgten ihm also langsam zu seinem zu Hause, wurden Giovanna, seiner reizenden Ehefrau, vorgestellt. Dort wurde uns auch Zutritt zum Bad gewährt und wir verkrochen uns im Bus, um Panini für den nächsten Tag zu schmieren, während Nicolà zurück zur Arbeit ging.

6.10 Uhr ging der Wecker. Nach einem Kaffee packten wir unsere Sachen und wurden um 7 Uhr schon von Nicolà erwartet, der uns wenigstens einen Caffé andrehen wollte. So herrlich das auch, wir wollten unbedingt los, da zu Mittag der Westwind zunehmen sollte. Wir mussten ihm versprechen Fotos aus der Luft zu machen und ihn anzurufen, bevor wir starten, weil er uns fliegen sehen wollte. Zudem fragte er uns auch, ob wir danach in ein Restaurant essen gehen würden. Naiv wie ich war, meinte ich „na klar, kannst Du etwas Gutes empfehlen?“ Und schwupp waren wir bei ihnen zum Essen eingeladen…Ein Glück erwähnte ich noch, dass wir vegetarisch unterwegs sind und zwar hieße das ohne Fleisch und ohne Fisch – man kannte nämlich die Bedeutung von vegetarisch im engeren Sinne nicht…Einfach wunderbar.

Wir starteten also in der Dämmerung nicht direkt auf unserem Track Richtung Berg und musste feststellen, dass die Zäune in Neapel hoch und vor allem überall zu finden sind. Die Gegend ist das Paradebeispiel von zwielichtig. Wir suchten uns also per GoogleMaps Satellitenkarte den nächste Zugang zum Wanderweg und nahmen die 3 Kilometer Umweg in Kauf. Die letzte Gerade war sogar ganz kurios gesäumt von Veranstaltungsgebäuden mit Prunklöwen am Eingang und weißen Adonisstatuen, wo scheinbar eine typische neapolitanische Hochzeit stattfinden muss. Alles trotzdem irgendwie „innen hui, außen pfui“. Das Gesamtbild ist einfach total verzerrt.

Am Ende dieser Eventstraße dann endlich der Torboden mit der Aufschrift „Benvenuto al Vesuvio“ und jede Menge Carabinieri. Die Herren kamen auch gleich auf uns zu und schüttelten den Kopf. Gar nicht gut. Wie es sich herausstellte, waren Teile des Weges hier durch die Waldbrände des letzten Jahres beschädigt und auf Grund der Gefahr durch stürzende Bäume dürfe man von der Seite den Vesuv nicht besteigen. Ich versuchte mein Bestes die Postenwachen zu überzeugen und passieren zu lassen, diese schielten jedoch nur zu den Kamera am Gebäude und Toreingang und meinten, dass wir „hier“ auf jeden Fall nicht passieren dürften. Das „hier“ hat bei mir in den Ohren geläutet und ich hakte nochmal nach…ein bisschen weiter links, oder ein bisschen weiter rechts ist ja schließlich auch überall Wald und wir würden den Gipfel ja schließlich sehen. Aus den Augen aus dem Sinn. So stiefelten wir zurück zur Straße und kletterten 20 Meter weiter über den Zaun.

Der schwarze Sandboden war mit Furchen durchzogen, da es im Sommer scheinbar starke Regenfälle gegeben hat. Die schwarzen Bäume mit verkohlten Rinden kreierten umso mehr eine mystische Stimmung. Das Gesamtbild rundeten jedoch nur die verschiedensten Schwammerl ab, die hier haufenweisen – nein bergeweise, wuchsen. Das muss dann tatsächlich ein Sperrgebiet sein, wenn man im Land der Schwammelrsucher noch Schwammerl en masse findet…Schnell erreichten wir die ehemals gepflasterte, mittlerweile marode Straße, die sich in Serpentinen den flachen Hang hinaufschlängelte. Hier und da lag tatsächlich ein Baum quer, aber nicht, was an einem halben Tag nicht hätte gemacht werden können, hätte man denn gewollt…So dauerte es ca. 1 Stunde bis wir aus dem Wald hinaus in die Einöde traten.

Auf ca. 1000 amsl erreichten wir dann ein Kassierhäusschen, das nicht besetzt war. Wir liefen daran vorbei und weiter Richtung Krater bis wir irgendwann den ersten Souvenirladen erreichten. Aber auch hier keine Menschenseele. Die Solfataren des Vesuvs selbst rauchten nur leicht vor sich hin, verbreiteten kaum einen Geruch nach Schwefel und machte sonst bis auf die postvulkanischen Exhalationen keine spektakulären Anstalten. Die Aussicht auf den Golf von Neapel jedoch war natürlich phänomenal. Von Ischia über Neapel über Pompei und Sorrent bis nach Capri. Es zog immer wieder ein kräftige Brise aus SW daher, was jedoch eher thermische Ablösungen als ein überregionaler Wind waren. Im ersten Moment kam auch kurz die Angst hoch, was denn ist, wenn der Wind tatsächlich so stark ist?  Bis zu unserem Ziel gab es kaum bis keine Notlandemöglichkeit. Auf halber Strecke gäbe es wenn bei aller Lieber nur einen großen Kahlschlag im Wald, wo wir nicht einschätzen konnten, wie die Bodenbeschaffenheit war…Lieber nicht hoffen, sondern rechnen und auf Windy vertrauen.

Man kann theoretisch direkt beim Souvenirhäusschen über den Zaun klettern und von SW bis auf SO starten. Es ist recht steil und nicht unbedingt ein einfacher Startplatz, der sowohl Können als auch eine Brise von vorne erfordert. Bei Westlagen kann man auch weiter westlich vom Kegel starten, dasselbe gilt für Ostlagen. Theoretisch ist der Start in alle Himmelsrichtungen möglich vorausgesetzt man findet einen Landeplatz in Reichweite. Wir sind gut 50-75 Höhenmeter dem Kraterrundweg im Uhrzeigersinn gefolgt und haben uns dort fertig gemacht. Hier ist die Hangneigung geringer und man kann den Schirm oberhalb des Wegs auslegen und sich selbst auf dem Weg platzieren. Die Steine und der Lavasand nicht für den Schirm weniger problematisch, die kleinen verdorrten Büschlein jedoch sind ein Leinenfresser. Ich habe alle kritischen Gewächse entfernt, um einen sauberen Start zu ermöglichen. Dann rief ich Giovanna an, um unseren Start anzukündigen.

Alex startete bei der nächsten Brise, wonach ich trotz Vorsorge mit dem Unterholz kämpfen musste. Als der Schirm dann endlich frei war, ging es in die Luft und ab Richtung Süden. Unterwegs gab es über dem Wald immer wieder einen Piepser und generell trug die Luft sehr gut. Sinken im Schnitt unter 1 m/s und Vorwärtsfahrt zwischen 25 und 35 km/h im Halbgas. Die Gleitstrecke von 5,8 km zu bewältigen war also kein Problem und ich kam sogar mit über 400 m über Grund an Ort und Stelle an. Nicolà wartete auf dem Platz und schwang eine Fahne, um uns im Gewirr der mangelhaften Straßenbauverordnung zum rechten Platz zu weisen und wir landeten sich und zufrieden.

Nachdem wir den Schirm gepackt haben und alles im Bus verräumt haben, gab Nicolà den Startschuss an Giovanna, dass die Pasta aufzusetzen war. Wir durften nicht helfen und wurden stattdessen im Haus herumgeführt. Im Sommer lebten sich in der überirdischen Etage, im Winter im Souterrain – denn hier hat Nicolà vor kurzem einen Pelletofen eingebaut. Darüber hinaus lernten wir die gesamte große Familie von Bildern kennen und wurden dann zu Tisch gerufen. Antipasti Mist bestehend aus eigenen Oliven, eingelegter Zucchini und eingelegtem Grünzeug, dazu Brot und Rotwein. Daraufhin folgte als Primo Pasta mit Linsen (sooo lecker), womit wir uns die Bäuche vollschlugen, was nicht vorausschauend war. Denn als Secondo folgte die beste Parmigiana meines Lebens: Auberginen mit Datteltomaten überbacken mit Parmesan. Wenn das mal nicht genug wäre, gab es noch Kekse, Walnüsse sowie Orangen aus dem Garten serviert mit Schokoladenliqueur. Nomnom. Dabei lernte ich zwangsweise den napoleonischen Dialekt kennen. Die Wörter werden hier einfach abgekürzt, darauf muss man erstmal kommen…Bagn statt Bagno, Alessand statt Alessandro und Tedesc (gesprochen: tedesch) statt Tedesco.

Ansonsten erfuhren wir, dass es manchmal besser sei nicht zu wissen, was einen auf den Straßen Neapels passieren konnte und raten an der Stelle auch ab, wenig frequentierte Plätze zu besuchen oder ohne Kenntnisse der Gegend sein Auto unbedacht stehen zu lassen. Scheinbar sei es die Gefahr nicht nur für das Materielle zu beachten, sondern vor allem auch für Leib und Leben. Wir haben nichts dergleichen erlebt, aber Nicolà wird wissen, was vor allem in der Peripherie Neapels vor sich geht und nicht unbegründet Warnungen aussprechen.

Nach herrlichen 2 Stunden musste wir dann wieder auf den Weg und wollten „nur zwei Orangen“ mitnehmen. In die Hand gedrückt bekamen wir dann eine Tüte voll und noch 5 wundervoll duftender Zitronen. Wir versprachen Nicolà ihm das Bild von seinem Haus und dem Vesuv zu schicken und ihn wieder zu besuchen, sobald wir uns in der Region wieder verfahren sollten. Er war so glücklich, dass ihm die Tränen kamen und nach einigen Umarmungen und Glückwünschen für das Neue Jahr brachen wir wehmütig auf. Ein Abenteuer der feinsten Sorte hinter uns.

Fazit: Mit etwas Vorbereitung und gesundem Menschenverstand ist der Vesuv ein Mikroabenteuer der besonderen Klasse. Abseits der normalen Wege und Orte unterwegs zu sein, kann man jedoch nur für empfehlen, wenn ihr italienisch sprecht. Ansonsten ist die „Gefahr“ in und um Neapel Realität und kann nicht, wie manch verträumte Italien-Philantropisten in Foren zu verstehen geben wollen, vernachlässigt werden. Man muss die Augen offen halten und immer einen Plan B parat haben (z.B. in Pompei auf den Campingplatz fahren und dann mit dem öffentlich Bus zum Startpunkt/Vesuv fahren oder in östliche Richtung abfliegen, denn auch da gibt es große Landefläche und den Rest zu Fuß wieder zurücklaufen).


Informationen.


NameVesuvio
GruppeGolf von Neapel
RegionKampanien
StartrichtungenSW, S, SO, O, (NO, N, NW, W)
TalortTrecase
GPS (Berg)40.820800, 14.429290
GPS (Tal)40.78039, 14.43333
Höhe Startplatz [amsl]1240
Höhenunterschied [m]1000
AufstiegsvariantenEs gib auf der Westflanke eine Asphaltstrasse, die auch mit Privat-PKW befahren werden kann. Alternativ dazu führen eine Handvoll Wanderwege zum Krater - hier jedoch auf saisonbedingte Sperrungen achten. Durch die dichte Bebauung um den Vesuv herum, gibt es wenig Möglichkeit abseits der offiziellen Wege zu gehen.
StartplatzRichtung Süden and der Südflanke und Westen sind die SP wegen Steilheit anspruchsvoller. Auf der Ostseite des Kegels kann man auf Norden/Osten/Süden starten. Die SPs sind nicht steil, jedoch ist teilweise Kleinholz vorhanden.
FlughinweiseDer Startplatz am Vesuv liegt in einer ED-D (Westseite komplett, Ostseite knapp drunter). Der Landeplatz bei Ercolano oder in Trecase jedoch liegt in einem ED-R. Diese Flugbeschränkungszone war inaktiv – dies muss jedoch vor jedem Flug erneut geprüft werden und bei Zweifel am besten mit einem der lokalen Clubs (z.B. ASD Centro Volo Campania) abgeklärt werden.
LandeplatzEs gibt nur wenige Landemöglichkeiten! Vor jedem Flug dringend den Landeplatz prüfen.
Talwind am LandeplatzMeeresbrise


Bildergalerie.



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