Das Wunder von π.

 

 
Die Vorhersagemodelle auf Windity waren sich an dem Tag nicht wirklich einig, ob es nun einen NW oder doch NO geben sollte. Wir hofften schlimmstenfalls auf die goldene Mitte und machten uns auf den langen Weg von Füssen nach Steeg. Die wohl leckersten Brezen der Region kauften wir in der Bäckerei in Pflach, denn der nächste Hunger bestimmt. Und mit hungrigen Frauen ist bekanntlich nicht zu spaßen. In Steeg angekommen werden wir um 9 Uhr von schattigen und verfrorenen Wiesen begrüßt. Wir parken unser Auto südseitig des Lechs (Ortsmitte Steeg über die Brücke fahren, rechts abbiegen und ca. 500 m dem Weg nach Prenten folgen) und machen uns auf den Weg. Die erste Überraschung des Tages: unser GPS hat einen Weg, wir finden aber keinen. Wir liefen den Lechweg ein paar Mal auf und ab und entschieden uns dann einfach dem „Pimig Rundweg“ zu folgen. Zuerst ging es also entlang des Rundwegs in südliche Richtung. Nach ca. 15 Minuten Fußmarsch kommt dann rechts eine Abzweigung auf einen Waldsteig, der weiterhin als Pimig Rundweg bezeichnet wird. Man kommt darüber auf eine große Wiesenfläche, auf der man sich gut 250 Höhenmeter nordwestliche halten muss. Der Weg ist an sich bis zur Hinterbischenalpe gut markiert. Wir hatten Glück, dass der Boden bereits gut gefroren war, sonst wäre der Kuhsteig eine schlammige Geschichte geworden. Ab der Hinterbischenalpe wird die Wegfindung ohne GPS teilweise sehr schwierig. Ab hier geht es dann per la Diretissima die Steilwiesen hoch. Man sollte hier wirklich trittsicher sein und rutschfestes Schuhwerk tragen, da Ausrutschen keine Option ist. Nach ca. einer weiteren Stunde Quälerei erreicht man endlich den NW-Grat, was für uns auch heißt: endlich wieder Sonne.

Übrigens – es gibt in Steeg Bereiche, die den gesamten Tag keine Sonne sehen und gesehen haben! Zwischen Steeg und Prenten wurden die Kühe für ca. 20 Minuten auf die Weide gelassen, weil genau so lange dort die Sonne geschienen hat. Dort zu leben ist wohl nix für Kinder der Sonne…

Der Nordwestgrat ist zwar luftig, aber immer noch sehr angenehm zu gehen. Uns bläst jedoch ein starker Wind aus NO in die Seite und es kommen die ersten Zweifel auf, ob man bei dem starken Wind noch starten kann? Nichts desto trotz hackeln wir weiter rauf und fragen uns dann auch gleich, wie wir überhaupt zum Gipfel kommen. Der Grat endet nämlich an einer steinernen Wand, die ich mit Sicherheit nicht raufklettern wollte. Sehr schön zu sehen sind hier jedoch größere Gesteinsflanken aus Radiolarit, die den sonst grauen Wettersteinkalk durch ihre charakteristische rote Farbe aufhübschen. Der Weg zweigt von dort dann zum Glück nach links ab und man quert die NO-Seite auf einem sehr schmalen Pfad. Pfad: eine fußbreite in den grasig-schrofigen Hang geschlagene Ecke. Die Querung erster vereister Schneefelder ist unter den Umständen nicht wirklich amüsant, da muss man sich selbst die Tritte herrichten. Als diese Partie auch endlich hinter uns ist, kommt der letzte Anstieg über die steile SO-Flanke und man erreicht den nicht mehr gehofften Gipfel. Und er ist tatsächlich flach und startbar – wir haben gejubelt vor Freude. Und etwas Anderes fiel uns auch sofort auf – es ist fast windstill. Im ersten Moment war uns das eher suspekt und keinesfalls eine Freude. Das Gipfelkreuz selbst wurde erst im Oktober 2015 erneuert und laut Gipfelbuch waren wir seitdem Zeitpunkt die ersten Besucher. Das Gipfelbuch existierte auch bereits seit 2006 (soweit ich mich erinnere) und war erst zu einem Viertel befüllt…So viel zum Thema Frequentierung des Pimigs. Der Ausblick ins untere Lechtal ist grandios, genauso wie hinüber zur Stanskogelgruppe oder der Holzgauer Wetter- und Feuerspitze. Alleine deswegen hat sich der Aufstieg bereits gelohnt.
Oben angekommen bemerken wir, dass am Gipfel selbst der Wind von Süden aufsteigt, was auf thermische Ablösungen schließen lässt. Etwas unterhalb des Grats bläst hin und wieder ein schwacher Wind aus NNW – das heißt starten bei Seitenwind? Oder waren wir doch einfach nur komplett im Lee? Wir liefen den Gipfelbereich auf und ab und klügelten vor uns hin, um herauszufinden was für einen Wind wir denn tatsächlich hatten. Und wo denn der starke NO-Wind von vorhin geblieben ist.

Fazit: Südseitig aufsteigende Thermik zieht nach oben ab und interessiert uns beim Start nicht weiter. Eine vorhandene NW-Höhenströmung beschert uns wohl einen suboptimalen Wind, der am Grat vorbeiströmt, und der um 1800 amsl herum beobachtete NO-Wind war einfach der typische Talwind im Lechtal. Dann hofften wir, dass die Theorie stimmt. Der Wind war jedoch so schwach, dass wir ohnehin nur vorwärts starten konnten, also war uns der Wind letztendlich egal. Schnell waren wir also beide in der Luft und flogen Richtung sonnenbeschienen NW-Grat. Dort trafen wir dann trotz später Jahreszeit noch auf turbulentere thermische Verhältnisse. Als es dann irgendwann Richtung landen ging, wurde die Sache nochmal interessant: wie ist denn wohl der Talwind? Im Höhenband 1500 – 1700 amsl waren die Windverhältnisse nämlich auf einen Schlag nicht mehr ganz zu vernachlässigen, da der Wind laut Vario (solange man dem Vertrauen kann) in kürzester Zeit von 6 km/h auf 30 km/h (Wind aus NO) anstieg. Das war auch die Entscheidungsgrundlage für die Landung in Steeg (Hügel vor Oberellenbogen könnte einen bösen Leebereich verursachen). Je mehr man jedoch an Höhe verlor, desto mehr nahm der Wind wieder ab und etwa 50 m über Grund hatten wir auch plötzlich Wind aus Süd mit 4 km/h. Ich verstand die Welt nicht mehr, aber freute mich die am wenigsten gedüngte Wiese in Steeg gefunden zu haben. Nachdem wir unsere Schirme gepackt hatten, kam auch die Erleuchtung. Auf ca. 1600 amsl blockierte eine Inversion den Talwind, der da natürlich gegen ankämpfte, sich staute und somit tief ins obere Lechtal vordrang. Unten rum blieb ihm jedoch die Luft aus, weswegen der Süd aus dem Rheintal wohl dominierte. Ob das stimmt, weiß man nicht, ist auch egal. Auf jeden Fall ist die Landung in Steeg trotz „Talwind“ um Welten angenehmer, als wenn man in Stanzach hätte landen müssen.

Fazit: Eine anspruchsvolle Bergtour, die einen durch den Ausblick komplett entschädigt. Die Top-Startmöglichkeiten sind da nur noch das Sahnehäubchen. Wer also einen wenig begangenen Berg sucht und nicht unbedingt Lust hast mit 10 anderen Fliegern am Berg rumzukrebsen, sollte den Pimig besuchen.


Informationen.


NamePimig
GruppeVallugagruppe und Nordkämme
RegionLechtaler Alpen
Startrichtungen(N), NO, O, (SO)
TalortSteeg
GPS (Berg)47.225140, 10.273548
GPS (Tal)47.243009, 10.291265
Höhe Startplatz [amsl]2406
Höhenunterschied [m]1284
Aufstiegsvarianten1. NW-Grat – anspruchsvoll (kann bei Neuschnee bzw. im Frühjahr sehr matschig sein – Abrutschgefahr)
2. Aufstieg von Kaisers (zu Fuß/mit PKW/per Anhalter erreichbar) über das Almajurtal mit Stützpunkt bei der Mahdbergalm
StartplatzEs handelt sich um ein schrofiges Plateau (<30°). Bei stärkerem N-Wind kann der Wind den Pimig Grat überspülen, was zu Turbulenzen führen kann. Ein Start in Richtung Südost ist unterhalb des Gipfelkreuzes möglich.
FlughinweiseOberhalb des NW-Grats gibt es auch im November noch Thermik
LandeplatzGroße Wiesen sowohl in Steeg als auch westlich in Prenten vorhanden. Leebereiche durch die Erhebung Oberellenbogen beachten.
Talwind am LandeplatzKonvergenzbereich im Bereich Steeg beachten. Nord- und Südströmung treffen an thermischen Tagen aufeinander.


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.