Das Beste kommt zum Schluss.

 

 
Bereits erschöpft vom Sommerurlaub und der hohen Erlebnisdichte waren wir nach einem Abstecher ins schönen Venedig auf der Suche nach einem letzten Abenteuer. Belluno und der Monte Serva sollten es sein. Aber was wir da erlebten, das kann man nicht suchen, man kann es nur mit einer Handvoll Glück finden.

Unsere bisherige Sommerreise startete in Südtirol, ging über Kärnten bis nach Venedig. Venedig wird für mich immer eine ganz besondere Bedeutung haben, die man vermutlich nur nachvollziehen kann, wenn man selbst dort gelebt hat. Von Touristen überlaufen, gilt es nämlich die kleinen geheimen Ecken zu kennen und das Wunder auf dem Wasser zu genießen. Wehe dem, der ein schlechtes Wort über Venezia verliert! Übrigens bietet sich das Parkdeck vom Tronchetto als ideale Übernachtungsmöglichkeit mit Caddy/Bus in Venedig an. Tolle Aussicht auf den Hafen, Toiletten für 1 Euro und im Eigenheim kostet es nur 20 Euro je 24 Stunden Aufenthalt. Man steigt auch als erster in die Linea 2 und kann sich die Plätze in der ersten Reihe sichern, bevor die Menschenmassen am Piazzale Roma das Vaporetto stürmen. Booot fahren (Lieblingsbeschäftigung vom Mann)!

Nach einem Tag Venedig war dann aber wieder aktive Freizeit angesagt, also ging es zurück auf die erstaunlicherweise günstige Autobahn. In Belluno angekommen schauten wir uns die Stadt an und parkten die erste Nacht auf dem Parcheggio di Lambioi. Dieser befindet sich direkt an der Piave, ist zwischen 19 und 8 Uhr kostenfrei. Tagsüber zahlt man 90 Cent/Stunde. Von dort bringt einen eine ewig lange Rolltreppe bis in die höher gelegene Altstadt, wobei der Übereifrige auch Treppen steigen kann. Dort kann man im La Fenice zu moderaten Preisen und einer guten Bierauswahl ausgezeichnet essen. Duschen kann man für 3 Euro im Stadtschwimmbad, wobei dabei nur der Badekappenzwang gefehlt hätte…

Am nächsten Tag steuerten wir direkt zum Flugplatz von Belluno, der östlich vom Stadtzentrum liegt. Da Englisch nicht unbedingt eine Stärke der Italiener ist, musste ich mein verrostetes Italienisch auspacken und ggf. unterstützend mit den Händen gestikulieren. Wir wurden direkt an einen Local verwiesen, der dem Idealbild eines Italieners entsprach. Uns wurde erklärt, dass man von unten relativ schlecht auf den Monte Serva kommt. Auch hier hat ein Wirbelsturm im Frühjahr gewütet und einen Großteil der Wege unbegehbar gemacht. (Bereits in Revine Lago konnten wir die Ausmaße dieses Sturms betrachten).

Unser Local musste aber eh den Flugplatz-Gurumeister Alberto (eine Koryphäe des Fallschirmspringens) zu seinem täglichen Flug verhelfen und wollte uns auch Richtung Hauptstartplatz mitnehmen. Er selbst wollte ursprünglich von da aus seinen neuen Speedflyer testen. Um uns jedoch den Monte Serva in seiner vollen Pracht zu zeigen, würde er uns dann aber noch weiter den Berg hinaufführen.

Nach kurzer Überlegung luden wir unseren Kram in seinen weißen Bus, der auch erstmal pneumatisch höher gelegt wurde. Dann ging es los – zur Safari/Rallye Monte Serva. Gut in den Sitz gekrallt, ging es mit einem Affenzahn den Berg hoch. Bei der Straße hätte ich persönlich sogar mit einem Geländewagen meine Bedenken gehabt und jede zweite Kurve auf Grund der Steigung, Straßenbreite und des nötigen Radius als weitgehend unfahrbar eingestuft. Der Bus aber schien diese Tortur gewöhnt zu sein, also ging es weiter bis zum Col di Roanza. Italiener sehen ihre PKWs eindeutig als Gebrauchsgegenstand.

Ein Stück oberhalb vom Rif. Roanza haben wir dann geparkt. Jedoch sollten Nicht-Einheimische besser beim Rif. Roanza parken. Von dort ging es für den lieben Alberto Richtung Hauptstartplatz, während wir einem im Wald versteckten Wanderweg folgten. Nach ca. einer Viertelstunde erreichten wir die Baumgrenze und folgten dem Wiesenweg Richtung Gipfel. Unterwegs erfuhren wir ein paar lustige Insider vom Flugplatzgeschehen und freuten uns über die sympathische Gesellschaft. Diese verrückten Vögel sind zu Beginn ihrer fliegerischen Karriere tatsächlich mit alten Fallschirmen auf den Berg gelaufen und haben es gerade Mal so im Gleitflug zum Flugplatz geschafft…und das ist nur eine der vielen Geschichten.

Wir erreichten nach ca. einer dreiviertel Stunde einen höher gelegenen Startplatz. Wir hielten dort, da es an der Stelle ein kleines Plateau gab, von dem die Wiese in einer angenehmen Steigung abfällt. Außerdem befanden wir uns bereits direkt unterhalb der Wolkenbasis. Theoretisch kann man dem Wanderweg bis zum Gipfel folgen und bei entsprechender Bedeckung unterhalb des Gipfels starten.

Wir versprachen unserem Local als Gegenzug für die Führung seinen Start zu filmen. Er packte also seinen kleinen 9 qm Flitzer raus und düste los. Gefühlt dauerte sein Flug keine Minute. Wir hatten dann Pech, da die Basis ein Stück absank und mussten ausharren. Irgendwann öffnete sich wieder ein wolkenfreier Bereich und wir starteten unsere nun klobig-groß wirkenden Schirme. Zu Beginn mussten wir erstmal etwas Land gewinnen, um nicht direkt in die Wolken gehoben zu werden. Danach konnte man ganz entspannt die gesamte Südseite des Monte Serva abfliegen. Hoch hinaus ging es zwar nicht, weit sehen konnte man auch nicht, aber immerhin konnten wir ein Auge auf Lago di Santa Croce werfen. Auf der Suche nach Thermik muss man sich eigentlich nur nach den Rinnen orientieren, da es dort eigentlich immer ziemlich verlässlich hochgeht (wie uns Alberto später nochmal bestätigte). Als wir dann genug des Guten hatten, ging es Richtung Landeplatz beim Einkaufszentrum. Dieser ist meistens gemäht und mit einem Windsack ausgestattet. Sowohl beim Fliegen als auch beim Landen ist unbedingt auf Segelflieger zu achten. Die dortige Flugschule ist im Sommer sehr aktiv so, dass da teilweise 5 bis 6 Segelflieger gleichzeitig am Hang kratzen. Die Hauptstraße soll auch nicht überflogen werden, um den Start- und Landeverkehr des Flugplatzes nicht zu stören.

Zurück am Flugplatz wurden wir wieder herzlich empfangen und lernten weitere Einheimische kennen. Es gab das wohl verdiente Landebier bzw. Spritz Campari für die Dame. Unser Local hat für uns beim Flugplatz nachgefragt so, dass wir dort sogar weiter campieren und die Sanitäranlage benutzen durften. Yippie. Um das Ganze noch schöner zu machen, wurden wir abends zum Essen eingeladen und konnten sämtliche Vorzüge italienischer Esskultur genießen. Da zeigte sich nochmal, dass Sprache wie ein offenes Fenster ist, das einem einen neuen Ausblick auf die Welt eröffnen kann.

Am nächsten Morgen verabredeten wir uns wieder mit unseren neuen Freunden zu einem Hike and Fly, das Auto stand ja schließlich noch oben. Diesmal sollte es durch die Wildnis zum Hauptstartplatz gehen. Die Jungs kümmern sich für gewöhnlich für die Wegpflege und wollten demnächst mit Kettensäge auf den Monte Serva marschieren, um die Sturmschäden zu beseitigen. Während unser Local klatschend durch den Wald stapfte (Schlangen), arbeitete ich an meinem italienischen Wortschatz für Flora und Fauna. L’Aragnella klingt doch irgendwie schönes als das Spinnennetz. Als wir unten losmarschierten, wusste Meister Alberto noch nicht, ob er an dem Tag fliegen würde. Dies hinge davon ab, ob ihn jemand mit auf den Berg nehmen würde. Als wir am Hauptstartplatz ankamen, war Alberto aber schon längst da. Es lag die Vermutung nahe, dass man es sich am Flugplatz zum Ziel gesetzt hat, dass Alberto mindestens einmal am Tag einen schönen Gleitschirmflug absolvieren kann.

Unsere Begleiter packten wieder ihre Speedflykisten aus und sausten barrelrollend Richtung Tal. Wir machten uns auch schnell fertig und waren in der Luft. Der Startplatz ist 4 bis 5 Schirme breit und fällt flach ab. Super Bedingungen. In der Luft befindet sich gleich links unterhalb des SP der erste Bart, den man bis zur Basis ausdrehen konnte. Leider war die Basis immer noch bei ca. 1500 amsl. Wir erwarteten im Laufe des Abends auch noch eine Kaltfront weswegen wir uns nur die Umgebung anschauten. Man kann ca. 3 km Richtung Osten fliegen und mit ausreichend Höhe den Talsprung Richtung Monte Dolada wagen. Ansonsten hält man sich westwärts und kann die Gebirgskette bis Feltre abfliegen. Unterwegs findet man oberhalb des Rif. Roanza auch noch einen großflächigen Bart, den man sich aber mit zwei drei Segelfliegern teilen muss.

Am selben Tag noch verabschiedeten wir uns von unseren neuen Freunden und machten uns auf den Weg nach Hause. Der Weg durch die Dolomiten ist lang, also kehrten wir unterwegs in Agordo nochmal ein. Erstens, man kann scheinbar überall in Italien anhalten und eine Hammer-Pizza bekommen. Zweitens, Agordo hat als unscheinbares Städtchen verdammt gutes Eis. Drittens, es gibt in einer Seitenstraße in einem Kellerladen einen kleinen Distributor, der sehr gute Weine aus der Region Veneto verkauft.

Fazit: das Beste kommt zum Schluss. Geheimtipp Belluno. Wir haben megacoole Leute getroffen, ein schönes und wenig frequentiertes Fluggebiet kennen gelernt und bestens gegessen wie getrunken. Was will man mehr!


Informationen.


NameMonte Serva
GruppeSchiara-Gruppe
RegionBelluneser Dolomiten
StartrichtungenSW, S, SO
TalortBelluno
GPS (Berg)1: 46.184561, 12.228327
2: 46.189782, 12.230456
GPS (Tal)46.171465, 12.250868
Höhe Startplatz [amsl]1: 1182
2: 1533
Höhenunterschied [m]1: 803
2: 1154
Aufstiegsvarianten1: Aufstieg über das Valle del Sal kann mitunter wild verwuchert sein – GPX-Track entspricht einem gehbaren Weg zum Hauptstartplatz (Decollo Basso). Der Berg ist ansonsten voll von alten Wegen.
2: Vom Hauptstartplatz führt ein gut sichtbarer Pfad zum Mt. Serva rauf, wobei man sich zuerst westlich halten muss. Decollo Alto befindet sich an einer Viehtränke.
StartplatzTolle Wiesenstartplätze mit idealer Neigung
FlughinweiseSüdöstlich vom unteren Startplatz steht der Hausbart. Bei den oberen Startplätzen zieht kräftige Thermik die Rinnen des Mt. Serva hoch. Segelflieger beim Start und Flug beachten!
LandeplatzBergseitig von der Hauptstraße gibt es östlich vom Einkaufszentrum eine gemähte Wiese mit Windsack. Nicht am Flugplatz landen.
Wind am LandeplatzS


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.