Mont Blanc. In Slow-Motion auf das Dach Europas.

 

 
Urlaub und wir wissen nicht so recht wohin. Einen Tag vor Fronleichnam soll es losgehen und die Wetterkarte deutet auf eher wechselhafte Zeiten hin. Zuerst regnerisch mit Frontdurchzug, Gewittergefahr und knappe 20 °C. Brrr. Aber was dann kommt, soll sich als Hochdruck des Jahres erweisen. Wie oft hat man zwischen 4200 und 5500 amsl denn beinahe Windstille, während im Tal die Temperaturen Richtung 40 °C kurbeln? So schmiedet sich unser Plan die ersten paar Urlaubstage am Lac d’Annecy zu bleiben und dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: 26.06.2019 vormittags am Gipfel des Mont Blanc.

Da wir vermutlich nicht die versiertesten Bergsteiger sind und mit dem Gleitschirmgeraffel die künstlerische Freiheit schon etwas eingeschränkt ist, wählen wir für den Aufstieg nichts anders als die Voie Royale. Wir planen zwei Übernachtungen, da man beim Fliegen AMS eher kontraproduktiv ist. So rufe ich Fronleichnam voller Vorfreude beim Refuge Goûter an. Die forsche Antwort: wir sind voll. Ohne Reservierung haben wir gar nicht erst aufzukreuzen. Irritiert rufe ich Folge dessen bei der Tête Rousse an. Hier will man sich zur Buchungssituation gar nicht erst eindeutig äussern und fordert mich auf es zwei Tage vor Ankunft nochmal zu probieren. Sage mal, ist das ein schlechter Witz?

Der Hintergrund dieses recht „komplizierten“ Umstands, wie die Hüttenwarte es versuchen zu verteidigen, ist einerseits auf das neue Reglement der werten Bürgermeister von Chamonix und St. Gérvais zurückzuführen. Andererseits kann ich es nur in einem Wort zusammenfassen: üble Geschäftemacherei. Ab der Saison 2019 gelten nämlich folgende Regeln. 1) Für die Besteigung muss online eine Reservierung für eine der Hütten auf der Voie Royal vorgewiesen werden (Nid d’Aigle, Tête Rousse (Hütte oder Camp) oder Goûter). 2) Die Reservierung ist personengebunden – dies gilt natürlich nur für individuelle Alpinisten. Beim kommerziellen Bergsteigen reicht es aus, wenn 48 h eine Angabe zur Person zu machen. 3) Wer ohne Reservierung erwischt wird, muss mit harten Strafen rechnen.

So grüssen ab da an täglich das Murmeltier die beiden Hütten mit der Frage: hast du ein Bett? Während die Goûter standhaft „complet” in den Hörer rotzt, lässt sich die Tête am Sonntag – also einen Tag vor geplanter Ankunft – erweichen und spricht uns für zwei Tage zwei Betten zu. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn bei der mässig leichten GS-Ausrüstung + Hochtourenausrüstung ist kein Platz mehr für Matte und Schlafsack. Geschweige vom Zelt, denn wir haben keins. 

Apropos Ausrüstung. In Annecy ist uns aufgefallen, dass einige Unternehmen dort ansässig sind. So entdecken wir auch, dass Kortel Design in Sallanches auf dem Weg nach Chamonix liegt. So kommt mir die glorreiche Idee: wie wäre es mit einem leichten Sitzgurt und, wenn man schon mal da ist, einen Gurtzeugcheck? Voller Hoffnung betreten wir also am Montag kurz vor 9 Uhr das Geschäft und tauschen unsere Kolibris gegen zwei Kruyer III. Das bedeutet zwar auch den Verzicht auf eine Rettung, aber bei dem Höhenrausch tausche ich gerne 3 kg gegen knapp 350 g. 

Wer nicht unbedingt bereits beim Zustieg seine Körner verbraten will, hat zwei Möglichkeiten sich mechanisch auf den Berg befördern zu lassen. Entweder setzt man sich für knapp 38 € in St. Gervais/Le Fayet in die knarzende Zahnradbahn zum Nid d’Aigle oder fährt für 34 € von Les Houches mit der Télécabine zum Bellevue (1800 amsl), steigt in die Zahnradbahn um und bummelt so auf 2372 amsl.

Am Adlernerst tummeln sich dann verwirrte Tagestouristen und nervöse Gipfelaspiranten, während der Blick zum Bionnassay-Gletscher uns einen Vorgeschmack für das kommende Abenteuer gibt. Die brachiale Gewalt der Klimaänderung ist im traurig-grauen Aper erkennbar, während das strahlende Blauweiß von ewigem Eis versucht den Zahn der Zeit zu überdecken. Nach einem schnellen Schnappschuss folgen wir einer der „Bergsteiger“-Gruppen unauffällig linkerhand den Berg hinauf und können schnell den Trubel hinter uns lassen.

Wir folgen also der ausgetretenen „Autobahn“ über die Schneereste auf dem Désert de Pierre Ronde. Ende Juni stapft man die ersten flachen Passagen durch gesetzten Schnee bis man an der kleinen Baraque Forestière des Rognes (2768 amsl) endlich wieder Stein unter den Füssen hat. Von hier geht es entlang einem steinigen Grat, der einem geübten Bergsteiger kaum Aufmerksamkeit abverlangt. Die dünner werdende Luft jedoch spürt man recht schnell, also schrauben wir das Tempo entsprechend runter. Bei der kurzen Etappe haben wir es alles andere als eilig.

Am frühen Nachmittag kommen wir entspannt am Refuge de Tête Rousse (3167 amsl) an und werden vom Thibaud, dem Gleitschirm-verachtenden Goldenretriever (sobald er einen sieht, wird nur noch gen Himmel gebellt), an der Terrasse begrüsst. Halbpension mit Alpenvereinsrabatt kostet für zwei immer noch 132,10 € und ich erhasche einen Blick auf die Bettenplanung. Der erste Gedanke ist nur: was zum Kuckuck? Von 76 Betten sind um ca. 15 Uhr etwa 10-12 Plätze belegt. Und wieso konnte ich dann erst im letzten Moment reservieren, wenn eigentlich Platz für halb Dallenwil vorhanden wäre? Mafia?

Die Hütte selbst ist nicht die Neuste. Fliessendes Wasser sucht man in den reichlich vorhandenen Waschbecken vergeblich. 1.5 L stilles Wasser kauft man für 6 €, während die Halbe Leffe „nur“ 8 € kostet. Wir futtern also unsere mitgebrachten Schokoladenschmerzen und brechen auf, um den berüchtigten Grand Couloir zu inspizieren. Es geht am offiziellen Zeltplatz den steiler werdenden Schneehang (im Spätsommer ist das vermutlich eine Geröllhalde) hinauf, bis man am Fusse der felsigen Gratrippen des Grand Couloir steht.

 

Hier der Hinweis: auf Grund der ungewöhnlich hohen Temperaturen zog während unserem Aufenthalt kein Nachtfrost an. Das hatte zum Resultat, dass es bereits ab frühem Nachmittag überall von Nassschneelawinen mit hohem Geröllanteil nur so wimmelte. Die Wetterlage muss vor jeder Hochtour mit ausreichend Vorlauf und ebenfalls kontinuierlich beobachtet werden.

 

            Das Abendessen besteht aus Käse als Vorspeise, gefolgt von Linsensuppe sowie Reis mit Erbsen-Möhrchen als Hauptspeise. Das Dessert ist dann Schokopudding und ein Stamperl Tee. Funfact: Vor dem Abendessen werden die haufenweise, nein was sage ich denn, bergeweise vorhandenen Guides zu einem „Apéro pour les Guides“ geladen, wo es dann Häppchen und Erfrischungen gibt. Da wird dann gekichert und man klopft sich anerkennend auf die Schulter. Zwischen 18 und 20 Uhr kann man am Küchentresen auch seine Handys laden lassen, sofern die Photovoltaikanlage tagsüber ausreichend Energie produziert hatte. Ich korrigiere das „kann man“ an der Stelle: es gibt zwei Boxen, in die man Handys legen soll. Auf der einen steht „Guides“, auf der anderen steht „Clients“. Eine Box für „Gemeiner Bergsteiger“ suchen wir vergeblich. 

Nach der Erkenntnis, dass man am Mont Blanc als selbstständiger Alpinist gerade mal so toleriert wird, holen wir die Liegestühle aus unserem Lager und machen uns auf zum grossen Kino. Gegen 19.30 Uhr beginnt das Spektakel. Es krachen unterhalb der Goûter-Hütte oder von den Nordflanken der Aiguille de Bionnassay massive Lawinen gen Tal. Das nach NW ausgerichtete Grand Couloir erwacht nun bei der abendlichen Sonne auch aus dem Schlummern. 

Gegen 22 Uhr versuchen wir es dann im Gegenzug mit Schlaf. Aber um 1 Uhr und dann wieder um 3:30 Uhr tummeln sich unumsichtige Hüttenrookies durchs Zimmer und illuminieren die Nacht mit ihren neuen Stirnlampen, bei denen sie die Dimmfunktion noch nicht entdeckt haben. Wir selbst wollen erst bei Tag los, denn der Plan besteht nur darin zur Goûter-Hütte aufzusteigen, unsere Gleitschirme zu deponieren, etwas zu akklimatisieren und wieder abzusteigen. Etwas müde gibt es um 7 Uhr dann Brot mit Käse sowie Kuchen und einen Pott Tee. 

Eine Stunde später stehen wir unter dem Couloir und das Herz pocht: kommt was oder kommt nichts. Statistisch gesehen kommt alle 17 Minuten etwas durch die Rinne. Das gespannte Sicherungsseil ist so weit vom Hang entfernt, so dass ein Einhängen wenig sinnvoll erscheint. Wir entscheiden uns also frei zu gehen und ich mache mich als erste auf den Weg. Und tatsächlich rieseln plötzlich Schnee und ein paar Kiesel an meinen Füssen vorbei. Alex kommt zügig hinterher und wir legen unsere Steigeisen ab. Warum die Guides ihre Kunden mit Steigeisen durch die Felspassage jagen, bleibt uns ein Rätsel.

Im ersten Teil des Wandls ist die Wegführung durch gelegte Stahlseile recht einfach mit Klettereien I+. Nach kurzer Zeit erreicht man eine kleine Schulter an der man sich links orientiert und unterhalb der Gerölltürme den Hang quert bis man wieder eine kleine Schulter erreicht. Im Schnee folgen wir unwissend den Spuren “geradeaus”, was beim Aufstieg kein Problem ist. Beim Abstieg und vor allem am Nachmittag ist der zuvor verlockend feste Schnee nun butterweich und alle paar Meter rauscht Nassschnee in die Tiefe. Ab der Schulter ist die Wegführung weiterhin nicht schwierig, sofern man die Augen nach den roten Punkten offenhält und grundsätzlich recht zentral auf dem Grat nach oben kraxelt. Wir gehen zu Beginn Seil frei, da das Klettern bei weitem keine II+ übersteigt. Im oberen Teil wird das Gelände wieder etwas luftiger und vor allem der Restschnee kann unangenehme Rutschpartien parat halten. Das letzte Stück zum alten Refuge de Goûter (3817 amsl) ist wieder mit einem Stahlseil abgesichert und so kommen wir rechtzeitig zum zweiten Frühstück bei der Hütte an.

Aus Neugierde frage ich den Hüttenwirt, ob er noch zwei Plätze frei hätte und erlebte etwas, was ich noch nie erlebte hatte. Wüste Unfreundlichkeit und herablassende Aussagen über Bergsteiger diverser Nationalitäten. Es wurde uns „gestattet“ kurz zu rasten, aber danach sollten wir uns gefälligst aus der Hütte entfernen – es sei ja noch früh genug abzusteigen. Auf die Frage wie viele Betten tatsächlich besetzt seien und ob kommerzielle Bergtouren bevorzugt behandelt werden würden, wollte man mir vorerst nicht beantworten. So hockten wir uns geringfügig genervt von dieser Gast-un-freundlichkeit ans Fenster und planten den Abstieg. So konnte ich auch die Hüttenleute beim Essen „belauschen“, wie sie voller Abfälligkeit gegen die Para-Alpinisten wetterten. Denn „diese Gleitschirmflieger“ glaubten sie könnten überall starten, welch eine Frechheit. Irgendwann platzt mir dann doch der Kragen. Ich muss meine Französischkenntnisse outen und dumm nachfragen, was sich denn die Bergsteiger dabei denken würden auf jeden Berg raufzulaufen und dann auch noch runterzulaufen? Danach guckt der Hüttenwart etwas blöd drein und scheint sein Verhalten zu reflektieren. Im Nachgang bietet er mir an die „komplizierte Situation“ genauer zu erklären, aber ein Pardon für den schlichtweg maroden Umgang mit Hüttenbesuchern blieb aus.

Irgendwann im April 2019 öffnete sich um 8.30 Uhr das Onlinetor zur Buchung einer Übernachtung in der Gôuter-Hütte für die Saison 2019. Laut dem Wirt war die Hütte bereits um 10 Uhr für so gut wie die gesamte Saison ausgebucht. Wer weiss denn bitte im April schon, ob es am 31. Juni Bergsteigerwetter geben wird? Hier fällt auf Nachfrage noch der Hinweis, dass „Professionals“ sprich Bergführer/Guides bereits im Januar/Februar ihre Reservierungen ins System hacken können. Der Grund, wieso der kommerzielle Besucher dem „Amateur“ (so werden Individual-Alpinisten kategorisiert) vorgezogen wird, wurde mit dem Reglement begründet, dass auf der Hütte mind. 10 % Guides anwesend sein müssen. Dass es am Ende dann in der Regel bis zu 50 % sind, wurde dann nur noch geflüstert. Wieso diese Regeln? Naja, im “Brandfall” müssten die Hüttengäste sicher zur alten Goûter-Hütte geleitet werden können. Interessant, haben also alle Alpenhütte eine alte Reservehütte für den Brandfall? Rein hypothetisch, würde man gar nicht erst Flipfloptouristen mit der Bergsteigererfahrung eines Flamingos auf den Berg bringen lassen, bräuchte man dann noch so viel Händchenhalten im Fall der Fälle überhaupt? Fragen über Fragen. Keine zufriedenstellenden Antworten. Mein persönliches Fazit: die Hütten am Mont Blanc mit ihrem 6 Euro-Wasser sind eine Gelddruckmaschine für die beiden konkurrierenden Gemeinden. Die vermeintliche Notwendigkeit der Regeln wird natürlich auf schamlose Bergsteiger geschoben, die disrespektvoll mit dem Berg umgehen. Ich sehe eher, dass es immer mehr selbstständige Leute gibt, die es alleine auf den Berg schaffen und somit keinen Guide brauchen und wollen. Das führt zu einem Interessenskonflikt.

Einige der genannten Informationen werden vermutlich der Wahrheit entsprechen, manche Aussagen hörten sich schwer nach alternativen Fakten an und manche Dinge vermag ich erst gar nicht glauben. Tatsache ist jedoch, dass die berühmte Voie Royal durch die Bewirtschaftungsweise beider Hütten gänzlich an Charme verloren hat. Es wurde zu einer Gelddruckmaschine degradiert, die nun mal mit Individualtourismus zu wenig Kohlen verdient und diesen dementsprechend traktiert. Der Hüttenwirt selbst ist vielleicht nur eine Marionette in diesem Theater. Was uns Normalsterblichen übrig bleibt, ist die Rahmenbedingungen der Gewinnmaximierung zu akzeptieren. Unser Rat: ruft ein paar Tage vorher bei der Tête Rousse an, seid nervig und dann wird das schon. Vergesst die Goûter.

Wir packen unser Gleitschirmequipment aus, verstauen es so unauffällig wie möglich in den vorhandenen Staufächern. Dann machen wir uns in der Mittagssonne wieder auf den Rückweg über den Goûter-Grat zum Refuge de Tête Rousse. Unterwegs wird uns noch Entertainment pur geboten, da die „Bergsteiger“ von ihren Guides an kurzen Leinen Gassi geführt werden, welche ihren Kunden Anweisungen erteilen müssen, z.B. „Hand auf diesen Stein“, „Fuss auf jenen Absatz“, „Sitz“. Da kommt mir wieder die wahnwitzige Idee: Was wäre, wenn hier nur fähige Leute auf den Berg unterwegs wären? Hätte man das logistische Problem der Hütten dann nicht gelöst? Welch utopischer Gedanke.

Zurück in der Tête Rousse folgt die nächste Überraschung. Unsere vermeintlich reservierten Plätze sind weg und scheinbar wurden die letzten zwei freien Lager just in dem Moment vergeben. Ich habe keinen Bock mehr und wünsche den Herrschaften viel Spass uns einen Schlafplatz zu organisieren, während wir uns entspannt auf die Terrasse hocken. Tatsächlich werden nach einer halben Stunde wie aus dem Himmel zwei Betten frei und die Mafiatheorie wurde ein weiteres Mal bestätigt (Nicolas, unsere Bekanntschaft, von der ich im Folgenden noch erzählen werde, hatte zwei Tage zuvor keinen Platz mehr telefonisch reservieren können. Alle Plätze “weg”. Er schlief im Gleitschirm zwischen Hütte und Fels.)

Der Abend verläuft bis auf einen Tischnachbar mit anderskulturellem Hintergrund (Zitat: „Ich sehe auch Frauen hier. Wenn Frauen es schaffen können, dann komme ich auf jeden Fall auf den Berg. [Zum „Bergführer“ aka schmieriger Amerikaner, der alles, aber kein Bergführer, zu sein schien.] Wenn ich es schaffe, lasse ich Geld über die regnen.“) nicht anders als der Abend zuvor. Lawinengucken. Der unscheinbare Weg zum bösen Couloir fällt einer beträchtlichen Lawine zum Opfer und wir können beobachten wie zwei Absteiger sich kurz vor knapp in eine sichere Zone bringen. Das Finale ist dann ein dicker Felsbrocken, der eine rauschenden Schwall Schnee durch den Couloir schickt. Zackbum weg war der Weg. Das wird am nächsten Morgen um 2 Uhr nachts interessant werden.

Für diese Nacht wählen wir zwei Betten im oberen Stock und mit Ohropax bis in die Eustachische Röhre gestopft schlafe ich genüssliche 5 Stunden bis um 1:25 Uhr der Wecker den Alex weckt und dieser mich. Wie zwei Mäuschen schleichen wir uns aus dem Lager und holen unser Frühstück. Gegen 2:30 Uhr und als letzte Seilschaft stapfen wir durch die laue sternenklare Nacht. Am Grand Couloir hatte der kalbsgrosse Brocken eine metertiefe Schneise geschlagen, was die Querung recht unangenehm gestaltet. Ansonsten folgen wir dem uns bekannten Weg, diesmal am Seil, und müssen trotzdem immer wieder pausieren und nach den blassen Wegmarkierungen Ausschau halten. Auf dem letzten Drittel des Weges bemerken wir ein einsames Licht, dass uns im grösseren Abstand folgt und die nächsten Seilschaften, die von der Tête Rousse starten. Plötzlich kracht es über uns mächtig und es fliegen den Geräuschen nach wieder Kälber durch den Grand Couloir. Die Lichter im Tal verschwinden in der Dunkelheit und blitzen erst nach ein paar Minuten hinter den Steinen wieder hervor. Willkommen am Mont Blanc.

Wir hingegen schlürfen die Verwehung hinter dem alten Refuge nach oben und uns eröffnet sich ein wunderbarer Ausblick auf den Glacier de Taconnez und den Glacier des Bossons, die ins tiefleuchtende Rot der aufgehenden Sonne getaucht sind. Die markante Aiguille di Midi sticht in den Horizont und motiviert uns die knapp 1000 Höhenmeter zum Gipfel in Angriff zu nehmen. Bei meiner Mutter, dieser Anblick entschädigt für alles. Da erspähe ich unseren Verfolger, der etwas gehetzt die Wechte erreicht. Und siehe da, er trägt einen Gleitschirmrucksack. Ich kann nicht anders und frage nach, ob man an diesem herrlichen Tag auch gedenke zu fliegen. Im ersten Moment perplex, im zweiten voller Freude, bestätigt uns Nicolas sein Vorhaben. Der Franzose freut sich noch mehr über die Einladung sich uns anzuschliessen und ihm scheint auch ein schwerer Stein vom Herzen zu fallen, als wir ihm anbieten an unser Seil zu kommen. Eine WS-Hochtour (WS = wenig schwierig gemäss SAC-Hochtourenskala) hin oder her, Spalten wissen davon nichts.

 

Wir packen in der Goûter unsere Gleitschirme um, verschnaufen ein wenig und machen uns zu dritt auf den Weg zur Aiguille du Goûter. Recht einsam queren wir das schier unendliche Meer aus Weiss. Die breite und vergleichsweise breite Piste zum Dôme du Goûter zieht sich langsam und kennzeichnet sich vor allem durch dünner werdende Luft aus. Am Dôme du Goûter (4304 amsl), der übrigens als eigenständiger Gipfel gilt, treffen wir die ersten Höhenkranken, die wie Käfer auf dem Rücken liegend im Schnee dösen. Hier irgendwo sind eine Woche vorher noch zwei Schweizer mit ihrer Piper gelandet. Da kann ich nur leise applaudieren. Beim Belauschen einiger Guides scheint es kein Gesetz gegeben zu haben, das für diesen Vorfall angewendet hätte werden können. Somit haben die Schweizer wegen irgendeiner ominösen Ordnungswidrigkeit eine Strafe i. H. von 38 € erhalten. So zumindest das Gerücht…Da kostet das Mittagessen auf der Hütte mehr!

Wir haben es leider nicht so leicht und steigen zum Col du Dôme ab, wonach eine etwas steilere Schneeflanke zum Refuge Vallot (4362 amsl) führt. Der Zustand um die “Hütte” herum verleitet uns nicht in das Notbiwak zu schauen. Lieber unterhalten wir uns mit einem der Guides über den Wind am Gipfel, dessen Patient sich die Finger in den Rachen steckt. Erbrochenes hier, Fäkalien da. Ästhetik adé. Und am Gipfel solle mindestens ein 20er Wind blasen. Fakenews. Wir lernen aber auch noch positiv gestimmte Guides kennen, die sich für uns freuen und uns viel Erfolg wünschen. Insgesamt herrscht am ganzen Berg trotzdem eine recht seltsame Stimmung.

Nach dem Vallot-Biwak folgt für mich als nicht schwindelfreie Person der interessanteste Teil der Hochtour und zwar die Crêtes des Bosses. Vor der ersten Gratpassage werden wir mit einem schmalen Aufschwung begrüsst, zu dessen Linken es in die Tiefen des Grand Plateau geht und dessen Rechten ein sehr sehr tiefes Loch in der Schneedecke klafft. Es sind mit Sicherheit gute 10-12 Meter und ich sehe nicht das Ende des Spaltenschlunds. Der Grat selbst ist durch eine gute Schneebasis angenehm breit und das Passieren heruntersteigender Bergsteiger ist auch weniger problematisch als erwartet. Die zweite Gratpassage gestaltet sich dann etwas luftiger, aber das Ziel vor Augen trotten wir im 8-Tausender-Schritt Richtung Mont Blanc. Steter Tropfen schleift den Stein und verdammt, meine Muskeln lechzen nach mehr Sauerstoff. Aber irgendwann gegen 9.30 Uhr erreichen wir das flache Plateau des Mont Blanc (4810 amsl) und feiern das speihfreie Ereignis ohne Kopfschmerzen oder sonstige Beschwerden.

Am Gipfel treffen wir noch einen weiteren Bergsteiger aus dem Allgäu, der uns scheinbar am Tag zuvor bereits beobachtet hat. Etwas schräg, aber immerhin hat er einen Windanzeiger dabei. Nic und der Fremde spielen die „Faisiblen“ und für uns bleibt dann um 10:30 Uhr nur noch leicht West mit < 5 km/h übrig. Ich stapfe mir ein Feld der Grösse 2 m x 4 m zurecht, wo der Schnee ausreichende Trittfestigkeit aufweist. Alles drum herum ist „Lava“ – wer kennt das Kinderspiel noch?

Als ich dann meinen Schirm aufziehen will, knattert plötzlich ein orangener Heli randvoll gefüllt mit Touristen daher. Als dieser dann endlich wieder abrauscht, will ich den zweiten Startimpuls setzen und whoosh taucht in voller Dramatik die Gendarmerie aus der Südflanke des Mont Blanc auf. Es fehlt nur noch, dass jemand eine Konfettikanone mit dem jauchzenden Ausruf „Surprise“ abfeuert. Auch dieser Helikopter ist rappelvoll und schwebt eine Zeit lang bedrohlich vor uns umher. Dann zieht er ab Richtung Dôme de Goûter. Überzeugt davon, dass die Kollegen ihre Spritztour anderswo weiterführen würden, starte ich problemlos in die Luft und schwebe über die schier endlose Gletscherwelt.

Leider ist der Wind mittlerweile auf ein Fastnullniveau abgesunken, also ergibt sich keine Chance am Mont Blanc zu soaren. Ich eiere also ein wenig Richtung Mont Maudit und wieder zurück zum Dôme du Goûter, wo zeafix die Gendarmerie gelandet ist. Ich behalte meinen Kurs und die Jungs können es nicht lassen auch wieder in die Luft zu heben, um am Refuge de Goûter in sinnlosen Schleifen Steuergelder zu verbrennen. Mittlerweile genervt vom erhöhten Verkehrsaufkommen drehe ich ab zum Col de Bionnassay, wo mich stattdessen der nächste Heli voller Halbschue überrascht. Gopferdammi, wir Gleitschirmflieger werden immer mehr mit Flugbeschränkungszonen konfrontiert, aber hier ist der Heli-Bär los.

Danke, aber nein Danke und so gleite ich seelenruhig über die Tête de la Charme Richtung Passy, wo man nach einer geschlagenen Stunde Gleitflug dann eine endlose Auswahl an geeigneten Landeplätzen vorfindet. Man kann auch in Les Houches oder auch in Chamonix landen, wobei es hier die Auswahl an Wiesen etwas kleiner ist.

 

Fazit: Hike and Fly Mont Blanc ist leider geil. Auch wenn es am Ende des Tages nur ein Haufen Stein, Schnee und Eis ist. Am Ende ist es aber auch der höchste Haufen Stein, Schnee und Eis der Alpen. Daher verstehe ich den Drang des Menschen da unbedingt hinauf zu wollen, da sind wir ja nicht anders gewesen. Wer sich damit abfindet, dass das grobe Publikum nicht aus Alpinisten besteht und auch die Hütten wenig Platz für Bergsteigerromantik übrighaben, der findet am Mont Blanc ein phantastisches Flugabenteuer, von dem man noch lange Energie zehren kann.


Informationen.


NameMont Blanc
GruppeMont-Blanc Massif
RegionGrajische Alpen
StartrichtungenNW, N, NO, O, (SO, S)
TalortSt. Gérvais/Chamonix
GPS (Berg)45.829146, 6.869108
GPS (Tal)45.909008, 6.699731
Höhe Startplatz [amsl]4810
Höhenunterschied [m]4200
AufstiegsvariantenVon St. Gérvais/Le Fayet fährt die Zahnradbahn oder von Les Houches die Télécabine, wobei man am Bellevue in die Zahnradbahn umsteigen kann. Die Voie Royal führt über Les Rognes zum Refuge Tête Rousse und weiter zum Refuge De Goûter . Von dort übersteigt man den Dôme de Goûter und erreicht über die Crêtes des Bosses den Gipfel des Mont Blanc.
StartplatzIn nördliche und östliche Richtung kann man problemlos auf die französische Seite starten. Der Startplatz ist flach und anfängerfreundlich. Richtung Süden ist der Hang weitaus steiler und erfordert eine sichere Starttechnik.
FlughinweiseBeim Flug Richtung Süden müssen die Windbedingungen minutiös bewertet werden. Im Juli und August ist der Start mit dem Gleitschirm vom Mont Blanc nicht gestattet (LF R 30 B). Seit dem 27.06.19 ist auch das Toplanding im Radius von 600 m vom Gipfel verboten!
LandeplatzEs gibt einerseits den offiziellen LP in Chamonix oder für Hike & Flyer auch die Option in Passy zu laden. Bei der Höhendifferenz ist die Qual der Wahl gross.
Talwind am LandeplatzWestlich. Im Frühjahr wird Passy für eine Landung empfohlen.


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.