Tag 1: Umbwe Gate to Forrest Caves (4 bis 5 Stunden, 13 km, 1450 hm Aufstieg)


Nach einer weitgehend erholsamen Nacht geht es wieder sehr früh los. Wir werden von unserem Guide abgeholt und auf geht es zur Machame Gate. Ja genau, hier geht es erstmal ans Zahlen und überfordert sein. Über 150 Mzungus mit ihren 500-600 Guides/Portern sorgen für ein wirres Durcheinander und wir sind nur noch am Staunen: ehrlich? Und wir mittendrin oder wie? Nein – es sind alle glücklich, weil wir wieder weg fahren und zwar zur Umbwe Gate (ca. 1300 amsl). Dort müssen wir dann sogar einen Risikoausschluss unterschreiben, da Anfang 2006 in der Western Breach (zu bewältigende Steilwand vor dem Gipfelplateau, ehemals Gletscher) mehrere Trekker durch Steinschlag ums Leben gekommen und weitere Gruppenmitglieder schwer verletzt worden sind.

Der Anfang des Weges schlängelt entlang eines breiten Forstwegs durch den Regenwald. Und niemand außer uns ist unterwegs. Wir sind die einzigen und es ist herrlich. Und es regnet tatsächlich im Regenwald, man will es kaum glauben. Nach ca. 1.5 Stunden endet der feuchtfröhliche Forstweg und man kommt auf einen kaum befestigten Waldweg, der zunehmend trockener wird. Mit der Höhe wird der Weg nicht nur schmaler, sondern auch um einiges steiler und vor allem wilder. Es sind einige Verblockungen drin, die einem das Gefühl vermitteln, tatsächlich einen Berg zu besteigen und nicht nur zu spazieren. Und das alles im Dschungel. Und hier haben wir auch das Zählen weiter vertieft: moja, bili, tatu, ne, tone, sita, aba, none, tissa, kumi, kumi-na-moje….ishirini!

Nach insgesamt 4.5 Stunden erreicht man das Forrest Cave Camp auf etwas 2850 amsl. Es handelt sich um ein paar überhängende Felsen, die beim Biwakieren womöglich ein trockenes Fleckchen generieren. Wir sind zum Glück mit Zelten unterwegs und können uns mitten im nirgendwo breit machen. Hier befindet sich sogar ein bebautes Plumpsklo, das ein echtes Highlight des Tages ist.

Fazit: es ist alles irgendwie feucht, da wir uns irgendwie die ganze Zeit in den Wolken befinden. Im Regenwald ist sowieso nichts mit Aussicht, aber die Stimmung ist durch die Nebelschwaden und die omnipräsenten Flechtengewüchse einfach mystisch. Unser Stomache Engineer sorgt für einen vollen Magen (Lecho: gebratenes/frittiertes Gemüse mit Kokostrockenpulver und Wasser angemixt, dazu gibt es etwas in Richtung Polenta) und wir genießen den Abschluss eines ersten erfolgreichen Tages in einer superentspannten Atmosphäre.


Tag 2: Forrest Caves bis Barranco Camp (4 Stunden, 5 km, 1100 hm Aufstieg)


Die morgendliche Stimmung im Zauberwald gibt immer noch Grund zur Begeisterung, obwohl das viele Trinken echt zur Belastung wird, da man das Wasser entsprechend auch wieder lassen muss…Wir packen, essen und machen uns auf den Weg. Der Weg ist steil, unbefestigt und Max muss uns ständig zum langsamen Gehen auffordern. Wir wissen es halt noch nicht besser.

Nach ca. einer Stunde erreichen wir eine Geländestufe und sind endlich über den Wolken! Sonne! Schlagartig ändert sich auch die Vegetation und wir verlassen den Regenwald. Nun begleiten uns stangenartige, weniger dichte Erika-Bäume und dann sind wir plötzlich im Heide-Moorland. Eine Flora, wie sie auch im wüstenartigen mexikanischen Hinterland herrschen könnte (zumindest, wie sie in amerikanischen Filmen gerne dargestellt wird) mit Senecien und Lobelien in einer offenen Graslandschaft. Insbesondere im Kilimanjaro-Gebiet gibt es viele endemische Pflanzen, weswegen die Mitnahme eines Naturführers echt sinnvoll gewesen wäre. Östlich unserer Aufstiegsroute befindet sich das Great Barranco Valley, das sehr tief hinab fällt. Wir hingegen bewegen uns auf dem Grat eines der Kili-Fingers.

Sehr müde und mit schwerem Atem erreichen wir dann das Barranco Camp auf etwa 3800 m über dem Meeresspiegel. Dort treffen wir auch auf andere Reisegruppen, die am nächsten Tag jedoch zur Akklimatisierung weiter zur Karanga bzw. Barafu Hütte ostwärts gehen werden. Die Campsite befindet sich unterhalb der Barranco Wall, wo einst der Heim Gletscher heruntergereicht hat. Die Gesteinswüste bietet kaum noch Substanz für Vegetation, so dass man im schwarzen Lavasand nur noch niedrige Büsche vorfindet. Wasser gibt es aus einem nahe gelegenen Fluss, der recht sauber zu sein scheint. In der Höhe ist mittlerweile jeder Schritt anstrengend. Man ist außer Atem, wenn man nur hinter einen Busch pinkeln geht. Demnach machen wir einen kleinen Sidetrip zur Barranco Wall, um der Akklimatisierung auf die Sprünge zu helfen. Obs geholfen hat, weiß niemand, aber auf dem Weg dahin ist mit Sicherheit Aufmerksamkeit geboten, denn der Pfad ist steil und ausgesetzt. Also pole pole.

Bezüglich AMS: unser Appetit ist noch voll da, keine Übelkeit, Sauerstoffsättigung von 92 %.


Tag 3: Barranco Camp bis Arrow Glacier Camp (4 Stunden, 5 km, 1050 hm Aufstieg)


Am nächsten Morgen sehen wir eine Perlenkette von Menschen in der Barranco Wall, die im Gänsemarsch ostwärts gehen. Zwei unserer Crewmitglieder (der „Lehrling“ Charliecharlie und Reagan der Stomache Engineer) gehen auch Richtung Barafu Hut, da sie den Strapazen einer Kraterübernachtung nicht ausgesetzt sein müssen. Wir tragen also jeder etwas mehr Gepäck und machen uns als einzige Gruppe zu viert (Max als Guide und Mwenga als Guide Assistent) westwärts Richtung Lava Tower auf den Weg.

Nach zwei Stunden in der Steinwüste erreichen wir das Lava Tower Camp, wo wir wieder auf Reisende von der Shira Route treffen. Es handelt sich um Amerikaner, die sich perverser Weise sogar chemische Toiletten auf den Berg schleppen lassen. Die Crewmitglieder stechen auch durch knallig orangene Overalls hervor und es bietet sich eine seltsame Szenerie, wo die Trennung von zwei unterschiedlichen Personenkreisen mehr als deutlich wird. Wir machen bei ein paar Bekannten von Max kurz Rast und machen weiter auf den Weg zum Arrow Glacier Camp. Kopfschmerzen nehmen zu und die Haut prickelt.

Im Camp angekommen, schlagen wir unsere Zelte auf und versuchen uns etwas zu erholen. Aber an Schlaf ist nicht zu denken, ich bekomme trotz Hundemüdigkeit einfach kein Auge zu. Wir stehen auf und spazieren zum Rest vom einst imposanten Heim-Gletscher vorbei. Viel ist da wirklich nicht mehr übrig und in ein paar Jahren ist bestimmt gar nichts mehr da. Die Bewegung tut gut und wieder geht ein ereignisreicher Tag zu Ende.

Abends hatten wir dann ein so genanntes „Briefing“ – nichts andere als wieder das unangenehme Trinkgeldgespräch mit Zaunpfahlwinkerei wie toll denn unsere Jacken seien. Die Guides hätten nämlich gerne 75 $ – zusätzlich – zum „üblichen“ Trinkgeld, da wir eine Kraterübernachtung hätten. Zur Info: das entspricht etwa einem durchschnittlichen Monatseinkommen in Tansania. Am Ende unserer Geduld sind wir da gar nicht darauf eingegangen, denn wir haben in dem Moment ganz andere Sorgen gehabt als uns wieder unter Druck setzen zu lassen. Das hat fast die Stimmung zum Kippen gebracht und in der etwas ausgesetzten Situation für uns beide war die Aktion einfach alles andere als fair. Aber da wir notfalls auch alleine wieder von dem Berg gekommen wären, blockten wir eine weitere Diskussion ab und wollten das in Moshi mit Jasper klären. Zum Glück war es schon spät und ein wunderschöner Sonnenuntergang über dem Mount Meru ließ alles Stressige etwas in den Hintergrund rücken.


Tag 4: Arrow Glacier Camp bis zum Crater Camp + Uhuru Peak (4 Stunden + 2 Stunden, 5 km, 1050 hm Aufstieg)


Wir stehen um 5 Uhr auf und starten um 6 Uhr. Wir sollten unbedingt vor 10 Uhr die Great West Notch erreicht habe. Sobald nämlich die Sonne in die Western Breach fällt, erhöht sich die Steinschlaggefahr exponentiell. Morgens ist es entsprechend eiskalt, aber der Weg zum Glück schneefrei. Wir sehen auch wie die Sonne über den Kraterrand gekrochen kommt und kämpfen uns mit Händen und Füßen einen für uns nicht sichtbaren Weg westlich des Little Breach Glaciers hinauf. Man sieht überall auch Bohrhaken, die zur Sicherung bei Schnee notwendig sind. Die Kletterei ist teilweise nicht anspruchslos, außerdem sind unsere Kraftreserven bereits angegriffen. Tuber4Life ist aber hart im Nehmen.

Nach vier Stunden stehen wir plötzlich auf dem Plateau. Eine weite schwarze Sandwüste. Und mitten drin eine Erhebung, wie ein weiterer Tortenboden, steht der Uhuru Peak und drum herum blauweiß strahlende Gletscherreste in der Größe von Einfamilienhäusern. Wir gehen um die Reste des Furtwängler Gletschers herum und schlagen unsere Zelte auf dem Crater Camp bei 5700 amsl auf. Nach einer kurzen Mittagspause geht es dann an die Gipfelbesteigung von Nordwesten aus.

Der Weg ist steil, sandig und anstrengend. Für knapp 200 Höhenmeter brauchen wir also knapp 2 Stunden und sehr viel Kraft. Jeder Schritt kostet mittlerweile Überwindung. Am Ende muss man wieder nur einen letzten Schritt über eine Gesteinskante machen und es eröffnet sich ein phänomenaler Blick auf den Kersten- und den Decken-Gletscher. Wir queren das Plateau und stehen am 21.06.2013 um 14:13 Uhr mutterseelenallein am Uhuru Peak. Ein unglaubliches Gefühl es geschafft zu haben. Mwenga ist zum ersten Mal am Gipfel und freut sich auch riesig. Wir springen, tanzen und sind heilfroh es ohne größere Probleme nach oben geschafft zu haben. Der Ausblick in den Reuschkrater und seine umliegenden Gletscher verschlägt einem den Atem, es wirkt fast surreal.


Hier wurde auch ein weiterer Vorteil der Umbwe Route klar. Die meisten starten nämlich mitternachts von der Barafu Hütte und erstürmen den Gipfel in 7 Stunden. Dann stehen sie alle völlig fertig da und warten auf den Sonnenaufgang. Scheinbar tummeln sich dann Menschenmassen vor dem Gipfelschild, wovon ein Drittel Lebensmittel-Weitwurf spielt. Wir hingegen können den Krater und den Gipfel für uns allein „genießen“, soweit es in der Höhe eben geht.

Nach einer Stunde Feiern am Gipfel geht es wieder runter. Jasmin plagen Kopfschmerzen und sie legt sich hin, während ich mit den Jungs noch den Reuschkrater erkunde. Es riecht penetrant nach Schwefel und es steigt hier und da Rauch auf. Faszinierend sich zu überlegen, dass man auf einem tickenden Magmaventil spazieren geht.

Die Sonne geht langsam unter und lässt die nördlichen Eisfelder und Gletscherreste leuchten. Und von hier kann man auch den Sonnenuntergang über dem Meru beobachten. Ein unglaublicher Moment für den ich immer noch sehr dankbar bin. Danach geht es ohne Abendessen ins Bett – ein Versuch zu schlafen. Sauerstoffsättigung bei < 70 %. Jasmin hatte immerhin noch 83 %. Eine harte Nacht. Wer hatte nochmal diese blöde Idee auf der Höhe zu übernachten? Weil man es kann oder wie?


Tag 5: Crater Camp bis Mweka Village (8-10 Stunden, ? km, 3800 hm Abstieg)


In der Früh kann niemand mehr schlafen – alle haben Kopfschmerzen und es sind vor Sonnenaufgang gut – 10 °C. Wir machen uns schnell auf den Weg und müssen nochmal einen kurzen Gegenanstieg zum Stella Point bewältigen. Dort treffen wir dann gegen 7 Uhr die ersten Zombies. Zumindest waren es Personen, die augenscheinlich total übernächtigt und ausgelaugt um die letzten Höhenmeter kämpften. Je tiefer wir kommen, desto mehr Luft scheinen wir zu bekommen und desto besser geht es uns. Am Wegesrand zeigt sich jedoch ein komplett anderes Bild: erschöpfte Bergsteiger sitzen verzweifelt am Boden, während ihre Guides auf sie einreden. Max erzählt uns, dass auch wenn der Berg so leicht zu besteigen ist aus technischer Sicht, fast die Hälfte der Bergsteiger daran scheitert. Die Höhe ist trügerisch und ein nächtlicher Gipfelsturm extrem kräftezehrend. Bei der Barafu Hut wird auch ein Reisender mit Verdacht auf Schlimmeres auf einem Radkarren runtertransportiert. Wer auf einen Helikopter wartet, wartet vergeblich.

Wir sind mittlerweile wieder in Topform und machen nur eine kurze Trinkpause bei der Barafu Hut, wo wir auch den Rest unserer Crew antreffen. Westwärts kann man Karawanen vom Barranco Camp kommen sehen. Für uns geht es nur noch bergab. Theoretisch war eine Übernachtung in der Mweka Hut geplant, aber wir wollen einfach nicht mehr. Wir wollen eine heiße Dusche und ein Bett, die Knie sind noch gut drauf. Die Jungs haben gegen eine frühere Heimkehr auch nichts, also ballern wir die ganzen Höhenmeter an einem Tag durch und freuen uns als die Mweka Gate in Sicht ist.

Hotel – Dusche – Pizza in Moshi. Drei Tage Muskelkater, dass man nicht mehr gscheit gehen kann. Das Leben ist so schön. Erst 12 Tage in Afrika, aber Erinnerungen für ein ganzes Leben gesammelt.


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