Wie weit würdest Du gehen?

 

 
Endlich eine stabile Hochdruckwetterlage, wenig Neuschnee in den Bergen (haha, ja genau – von Altschnee ist hier nicht die Rede) und schwachwindige Bedingungen mit optionalem Südwind. Alex lag mir seit Langem mit seinem ultimativen Plan in den Ohren: mit dem Gleitschirm von der Feuerspitze ins Lechtal fliegen. Dem roten Teufel südlich der Holzgauer Wetterspitze.

Die Wettervorhersage war endlich mal auf unserer Seite. Umliegende Schneemessstationen gaben auch vermeintlich grünes Licht und ein wenig Schneestapfen ist auch nicht verkehrt. Die Chancen, dass wir noch ohne Ski auf die Feuerspitze kommen und, dass die Wahrscheinlichkeit auch von dort zu starten nicht vernachlässigbar gering ist, waren trotzdem etwa 50:50. Scheinbar gelten beim Hike & Fly um den 3000er herum andere Regeln. Wir planten einen Zwischenstopp in der Frederic-Simms-Hütte ein. Alex hat ein Faible fürs Winterbiwak. Ich bin auf den Kompromiss „Winterraum“ eingegangen. Also ging es Samstag los nach Stockach. Dort parkten wir auf dem Wanderparkplatz der Sulzlalm und starteten nach 15 Uhr in unser Abenteuerwochenende. Man folgt zuerst dem Flussverlauf des Sulzbaches zum schwer verfehlbaren Taleingang. Man muss dem Fahrweg in kleinen Serpentinen durch den Wald folgen bis man bei ca. 1400 amsl unter dem markanten Felsfuß der Vier Festen steht. Da das Sulzltal im ersten Teil ein Stichtal ist, wurde hier einfach nach der Devise „wo ein Wille da ein Weg“ einen Fahrweg in die Wand gebombt. Ein Wechsel zwischen Terrassen und dunklen Tunneln verwandelt den Aufstieg zur Sulzlalm zu einem äußerst interessanten Unterfangen. Unzählige Eiszapfen säumen die Tunnelbögen und ohne Stirnlampe könnte ein Durchgang ungemütlich werden. Daher ist es besser auch im Sommer eine Taschenlampe mitzunehmen. Am Ende des Tunnels ist dann aber doch wieder Licht und man kommt in das immer breiter und flacher werdende Sulzltal. Auf 1446 amsl passiert man dann die derzeit geschlossene Sulzlalm, von der man weiter einem eher eintönigen Schotterweg gen Süden folgt. Wir sehen noch, wie die Tajaspitze und der Muttlerkopf letzte Sonnenstrahlen abbekommen bevor es anfängt düster zu werden. Bei der Materialseilbahn endet dann der Spazierweg und wir folgen einem Pfad, der uns zur Frederic-Simms-Hütte führen soll. Dort zeigt sich, dass es in dem Tal wohl doch ein wenig mehr Schnee als erwartet gibt. Die sonst gut gehbaren Serpentinen sind nun im Schnee versteckt und wir versuchen unser Glück querfeldein und immer steil bergauf. So sind die letzten 200 Höhenmeter auch schnell rum und wir stehen vor der Hütte.

Als wir dann voller Elan den Winterraum stürmen wollen, stellt es sich heraus, dass bereits jemand da ist. Die Stube ist halbwegs eingeheizt und wir treffen zwei sudernde Schwaben der Stuttgarter Sorte, die um die Uhrzeit wohl niemanden mehr erwartet haben. Die beiden Herren mittleren Alters hatten laut Erzählung ursprünglich die Hermann-von-Barth-Hütte im Visier. Sie mussten aber am Parkplatz beobachten, wie sich bereits eine größere Gruppe junger Menschen auf den Weg dahin machte und deshalb eine Planänderung vornehmen. Nun beschwerten sie sich, dass sie auf die Simmshütte ausweichen mussten und dass es eine Unverschämtheit sei wer mittlerweile wie in den Bergen unterwegs sei. Jaja, natürlich. Eine Beschwerde unsererseits haben wir uns an der Stelle gespart… Man möchte die weisen Männer mit schwelgender Brust bei ihrem majestätischen Wochenendtrip ja weder belächeln noch gar kränken. Man hat noch versucht uns zu belehren, wo wir da überhaupt unterwegs seien. Ja sag an, der Aufstieg ist steil? Mensch, was machen wir Jungspunde denn nun? Vermutlich hat man unsere sportlich-eleganten Sportschuhe gesehen, die neben den steinharten und bockschweren Bergstiefeln als nicht gut genug befunden wurden. Vice versa. Wir haben es dennoch weiter versucht und luden zu einer Partie Monopoly ein (wir hatten eine sehr coole Reiseversion des Spiels dabei!), aber so richtig wollte unser Gegenüber nicht auf die Vergesellschaftung eingehen. Somit war die Stimmung leider weniger nett als erhofft und wir versuchten den sekkanten schwäbischen Dialekt den Rest des Abends einfach auszublenden.

Der Winterraum der Simmshütte selbst ist urig-gemütlich und bietet alles was das Herz begehrt. Töpfe, Pfannen, Teller, ein wenig Besteck, jedoch keine Becher. Es gibt sogar eine Wintertoilette mit Toilettenpapier! Für Brennholz ist auch gesorgt, so dass man es sich mit einem Schwedenofen schön warm machen kann. Draußen steht auch Schaufel und Eishacke bereit so, dass wir uns sauberen Schnee zum Schmelzen schlagen konnten. Trotz Ofen nehmen wir zum Kochen doch lieber unseren Jetboil (Equipmentcheck-Bericht folgt!), da damit ein halber Liter Wasser in weniger als 2 Minuten brodelt. Zum Abendessen gibt es Süppchen und zum Nachtisch saure Schlangis. Diese werden von unseren wahren Bergurgesteinen natürlich verächtlich mit „Die-Jugend-isst-salzige-Spaghettis-zum-Nachtisch-pff“ kommentiert. Herrje, jedem das Seine! Ich kommentiere es ja auch nicht, dass unser Gegenüber auf trockenen Schuhsohlen herumkaut. Draußen ist es daher nicht nur schöner, sondern auch erstaunlich „warm“ (um die -2 °C) und der Sternenhimmel verdammt klar. Wir genießen die Stille ein wenig und machen uns dann auf in das Bettenlager. Es gibt in der Hütte insgesamt Platz für 6 bis 7 Leute, wobei die Matratzen mit Kissen und Wolldecken ausgestattet sind. Wir haben demnach nur unsere Hüttenschlafsäcke dabei und versuchen bei ohrenbetäubendem Lärm zu Schlafen (der eine Taucher, der andere kurz vor einer Asphyxie). Die Ohrenstöpsel hatten wir diesmal leider nicht dabei.

Nach einer kurzen Nacht läutet der Wecker bereits um 5:30 Uhr. Wir checken den Wind am Valluga, am vorderen Maldonkopf und dem Dawinkopf. Entgegen unseren Erwartungen/Hoffnungen ist der Wind weder schwach noch kommt er aus Süd. Die Prognosen haben „guten“ Wind für den Startzeitraum von 9 bis 12 Uhr vorausgesagt, also warten wir auf dessen Vorboten. Die Hütte wird nochmal eingeheizt und der Wind halbstündlich gecheckt. Abwarten und Tee trinken. Irgendwann reden wir uns ein, dass es besser ist und machen uns gegen 8 Uhr auf den Weg.

Von der Simmshütte führt ein Pfad um den Fuß der Wetterspitze, wobei der erste Teil weitgehend unspektakulär ist. Ich habe zwar meine Grödel an, (die man wahrscheinlich eher tragen sollte, wenn man im Winter mit dem Hund um den Block spazieren geht), aber ob’s geholfen hat, bleibt ungewiss. Am unteren Ende der Geröllscharte, die zum Fallenbacher Joch hinaufführt, wird es doch noch interessanter. Im Sommer ist dieser Weg zwar steil und durch das lose Geröll nicht unanstrengend, aber an sich keine Herausforderung. Jetzt hatten wir hier jedoch stellenweise mehr Schnee und der Boden war gefroren. Der sandige Gerölluntergrund demnach äußerst rutschig und unabhängig vom Schuhwerk eine haltlose Geschichte. Im oberen Teil ist zu unserer Freude knietiefer Harsch vorzufinden. So kraxeln wir mit mehr Anstrengung als geplant hinauf bis zur Wegkreuzung, von der es dann Richtung Feuerspitze geht. Am meisten freuten wir uns auf die schneeärmere Südseite. Haha, über diesen Funfact lache ich jetzt noch.

Auch wenn scheinbar Anfang November der letzte Neuschnee eingefallen war, ist keine Spur zum Kälberlahnzugjoch zu erkennen. Hier verlassen wir uns komplett auf das GPS und Alex darf im kniehohen Schnee die Spur ziehen. Ich stapfe hinterher und wir kommen zügig zum Felsriegel, der uns vom Joch trennt. Dort geht es mit letztem Blick zur schneefreien Wetterspitze hinauf aufs Joch. Oben angekommen, ist die erste Reaktion: oha. Schnee. Und zwar viel davon. Dort diskutieren wir auch zum ersten Mal die Option über das Kaisertal wieder abzusteigen. Durch die Schneeverhältnisse dauert der Aufstieg vielleicht einfach zu lange, als in unserer Planung bedacht war und die Eventualität eines Abstiegs sollte bevorzugt bei Tageslicht eintreten. Nach einer groben Kalkulation machen wir uns aber dennoch auf den Weg Richtung Stierlahnzug. Wir schätzen, dass der Sommerweg direkt unterhalb der schroffen Wände des Feuerspitzplateaus führt und richten uns je nachdem, mal nach dem GPS, mal nach Gamsspuren. In unterschiedlichen Berichten liest man immer wieder von einer Abkürzung durch eine der vielen Geröllscharten (wie ich im Nachhinein herausgefunden habe, kann man hier dem nicht ausgeschilderten Skitourenweg laut Kompasskarte folgen). Wir verzichteten jedoch auf das Glücksspiel und folgen lieber dem Normalweg, da dieser kräftezehrend genug ist. Die Querungen sind steil, der Schnee teils einen Meter tief, doch die Suppe mussten wir jetzt auslöffeln. Kurzzeitig habe ich überlegt einen Helm aufzusetzen, da dieser einerseits beim Abrutschen zumindest meinen Schädel schützen würde und andererseits oberhalb des Stirnlahnzug viele äußerst rücksichtlose Gämse unterwegs waren. Unverschämtes Vieh.

Trotz des Schnees kam am Stierlahnzug die ungewöhnliche geologische Farbvielfalt der Lechtaler Alpen zum Vorschein. Nicht nur die Faltung des Gesteins nimmt hier teilweise bizarre Züge an, sondern die gesamte Felsruine ist durch Radiolarit feurig rot gefärbt, wobei die Gipfelkrone pechschwarz (Lydit?) auftrumpft. Dieser Geologie verdankt die Feuerspitze nicht nur ihren Namen. Dies macht sie zwar nicht zur bedeutsamsten, aber vermutlich zu einer der markantesten Spitzen des Lechtals.

Irgendwann kommen wir auf die sonnige Seite des Bergs und finden am Stirnlahnzugjoch doch noch die schneefreie Südseite. Laut GPS sollten wir an der Stelle ein ganzes Stück absteigen, aber das sah nicht wirklich einladend aus, weswegen es hier wieder querfeldein auf den südlichen Ausläufer des Plateaus ging. Am höchsten Punkt des Ausläufers angekommen ist es bereits Mittag, also sehr viel später als geplant. Der Wind lässt uns auch im Stich, da er teilweise mit nicht vernachlässigbarer Stärke aus dem Osten bläst. Der Gipfel ist zwar in Sichtweite, aber bei dem ganzen Schnee könnte das auch wieder eine Stunde dauern und die Chancen zu starten sind verschwindend gering. Nach unseren Schätzungen würde ein Gipfelbesuch unser nötiges Zeitbudget, um den schwierigen und nicht ganz ungefährlichen Abstieg bei Tageslicht zu absolvieren, sprengen. Aber blöd gesagt, mir grauste es vor dem Abstieg, also wollte ich lieber zuerst am Gipfel prokrastinieren.

Nach doch nur einer halben Stunde stehen wir dann also am Gipfelkreuz, das selbst auf Grund der starken Erosion abzustürzen droht. Hin und wieder kommt der Wind den östlichen Rücken der Feuerspitze hoch, unterhalb des Grats ist es jedoch windstill. Was nun?
Wir fliegen?/. Theoretisch waren wir durch den Ostwindanteil im Lee, aber praktisch waren keine Turbulenzen vorhanden. Höchstens erwarteten wir demnach hinterm Grat ein höheres Sinken, aber sonst sollte alles glattgehen.

Hier muss man ehrlich zu sich selbst sein und zugeben, dass die jeweiligen Umstände selbst das eigene Risikoempfinden und vor allem die Risikobereitschaft verschleiern können. Wenn man nach einem langen mühseligen Aufstieg einen 6 bis 7-stündigen Abstieg vor Augen hat, dann nimmt man eher ungünstige Flugbedingungen in Kauf. Ob das gut oder wohl bedacht ist, ist eine ganz andere Frage. Ich persönlich dachte mir nur, wenn ich den Schirm erstmal in der Luft habe, wird der Rest sich schon ergeben müssen. In der Luft fühle ich mich wohler, als beim Abstieg zu Fuß in diesem Winter Wonderland.

Mit einem leicht mulmigen Gefühl lege ich also meinen Schirm zwischen den spitzen Steinhaufen und Schneefeldern Richtung SO aus. Alex besteht darauf, dass ich zuerst starte und hält die Kappe offen. Mehrmals tief durchatmen. Bis hierhin ist alles gut. Und ich bin in der Luft und über dem Kälberlahnzug. Dort geht es butterweich die Kante entlang und schon bin ich über der Simmshütte. Tatsächlich Null Wind. Mit 35 km/h geht es zurück Richtung Stockach. Die Sulzlalm haben wir als letzte Landemöglichkeit mit einer minimalen Überflughöhe von 1800 amsl markiert. Dort angekommen hatte ich aber immer noch weit über 2300 amsl auf dem Tacho, also geht es ganz entspannt weiter Richtung Jöchlspitze. Über Stockach zeigt das Vario immer noch 1800 amsl, über 20 Minuten Flugzeit und 10 km freie Flugstrecke.

Ich bin zwar heilfroh, dass diese ganze Aktion nicht nach hinten losgegangen ist, aber wo ist Alex? Beim Flug habe ich ständig zurückgeschaut mit der Hoffnung ihn auch gleich in der Luft zu sehen, aber vergebens. Funkgeräte waren uns zu schwer gewesen (an der falschen Stelle gespart). Es ist schwierig einen gleichzeitigen Start zu koordinieren und daher bleibt immer einer zurück. Unter den Umständen hatte ich bei meiner blühenden Phantasie aber ganz schnell Horrorszenarien vor Augen, weswegen es nicht fix genug zum Landen gehen konnte. Am Boden versuchte ich ihn zumindest per Handy zu erreichen, nix. Also hieß es abwarten. Wie lange wartet man da?

Nach ca. einer halben Stunde konnte ich endlich klitzeklein am Himmel einen Gleitschirm erkennen und war selten so froh. Wie sich herausstellte, war der Start im steilen Geröllfeld alleine schwieriger als gedacht, da immer und überall die Leinen hängen geblieben sind und die Kappe ohne signifikanten Wind von vorne schwer offen zu halten war. Auf der Suche nach seinen Handschuhen ist Alex auch noch ausgerutscht und hat sich eine tiefe Schnittwunde am Handballen zugezogen. Am Ende ist zum Glück alles gut gegangen. Aber jeder musste seinen Tribut an die Feuerspitze zollen: Alex mit seiner Hand und bei mir musste eine zerschlissene Galerieleine dran glauben.

Unglaublich erleichtert nicht runtergehen zu müssen und unglaublich erleichtert, dass alles geklappt hat und wir weitgehend gesund wieder in Stockach stehen, sind wir dann erstmal ins Füssener Krankenhaus gefahren, um die Hand schneidern zu lassen (5 Stiche).

Fazit: Der Winterraum der Simmshütte ist vom Feinsten, die gesamte Wetterspitzgruppe landschaftlich ein Genuss und der Aufstieg spektakulär. Das Gefühl von so einem Gipfel zu starten und einen Hammerflug zu erleben ist unbeschreiblich. Am Ende bleibt aber irgendwie ein bitterer Nachgeschmack vom „Was wäre, wenn…“.
Nichts desto trotz, würden wir wieder so weit gehen, wobei wir natürlich auch wieder etwas über Planung und vor allem uns selbst gelernt haben.


Informationen.


NameFeuerspitze
GruppeWetterspitz- und Vallesingruppe
RegionLechtaler Alpen
StartrichtungenSW, S, SO
TalortStockach
GPS (Berg)47.199830, 10.368615
GPS (Tal)47.258146, 10.370665
Höhe Startplatz [amsl]2852
Höhenunterschied [m]1780
Aufstiegsvarianten1. Aufstieg von Stockach aus über die Simmshütte. Vom Kälberlahnzugjoch führt der Weg unterhalb des Feuerspitzplateaus zum Stierlahnzugjoch (Achtung rücksichtlose Gemsen). Abkürzung über eine Geröllscharte nicht ausgeschildert (siehe Skitourenweg).
2. Von Kaisers aus (nur begrenzte/keine Landemöglichkeiten in Kaisers)
StartplatzSehr anspruchsvoller Geröllstartplatz mit einer Neigung von >35° (Sehr spitze Steine, Schnee von Vorteil)
FlughinweiseFlug direkt über das Käberlahnzugjoch Richtung Sulztal. Nur bei schwachwindigen Bedingungen zu empfehlen.
Landeplatz1. In Stockach bei der Sulzbachbrücke
2. Offizieller Landeplatz in Bach


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.