Ride & Fly.

 

 
Auf der Flucht vor den Waldbränden im Lazio machten wir uns auf den Weg Richtung Umbrien, mit dem Ziel das Naturwunder Castelluccio zu besuchen. Auf dem Weg dahin konnten wir es jedoch nicht lassen in den Abruzzen Halt zu machen und beschlossen uns die Umgebung des Gran Sasso näher anzuschauen: il Campo Imperatore. Aber bis wir dort ankamen, besuchten wir noch einige mehr oder minder fliegbare Startplätze und das ohne auch nur im Ansatz in die Luft zu kommen.


San Donato Val di Comino.

Eigentlich war es geplant morgens in Boville Ernica zu starten und im Fluggebiet San Donato Val di Comino zu fliegen. Bereits am Fuße des Berges angekommen, dämmerte uns bei den Rauchschwaden in der Luft nichts Gutes. Wir fuhren deswegen die Passstraße hinauf, wurden auf der Suche nach dem Startplatz von einem Gaul überholt und konnten von einer steilen Betonrampe aus, die Flugzeuge auf ihrem Löschzug beobachten.

Es soll laut dem DHV drei Startplätze in San Donato geben und wir haben sie alle gesucht, betrachtet und unsere Rückschlüsse über die Qualität der Information gezogen. Zuerst die schlechten Nachrichten: zwei der drei erwähnten Startplätze sind nicht (mehr?) befliegbar.
Der erste liegt unterhalb einer Serpentine, ist verwachsen und relativ flach. Früher konnte man hier unter Umständen vielleicht abheben, die Kombination von wuchernder Flora und Hangneigung machen das Starten mittlerweile jedoch unmöglich. Zudem erreicht man ohne Thermik den beim DHV gekennzeichneten Landeplatz nicht.
Den zweiten haben wir im ersten Anlauf nicht gefunden bzw. mit einer Parkbucht verwechselt. Es handelt sich nämlich wirklich nur um eine Parkbucht, die direkt ins mittelhohe Buschwerk übergeht. Starten ausgeschlossen.
Der dritte ist unter Umständen die Pest, wenn man noch Cholera zu Auswahl hat. Eine nicht allzubreite Drachenrampe, die über einem Abgrund ragt. Für Hängegleiter sind die Startbedingungen gut, für Gleitschirmflieger nur bei mäßigem Wind und großem Vertrauen in sich und den Wind zu empfehlen. Den Landeplatz kann man vom Startplatz aus nicht identifizieren.
Es gibt aber noch einen Lichtblick für motivierte Hike & Flyer. Und zwar gibt es scheinbar einen grasigen Startplatz, der sich ca. 500 Höhenmeter oberhalb der Passstraße unterhalb des Grats des Monte Trani befindet. Wir selbst waren nicht dort, aber zumindest sind wir der Meinung, dass den Aussagen von Locals zu glauben ist. Noch vor dem Rampenstartplatz befindet sich in einer der Innenkurven eine Brücke von der aus ein Wanderweg abgeht. Diesem muss man folgen und erreicht darüber steileres Gelände mit baumfreien Bereichen.
Die Löschflugzeuge sausten uns im 5-Minutentakt über den Kopf. Die Rauchschwaden der Hangbrände im gesamten Gebiet schickten uns von dem Ausflug ins Val di Comino zum nächsten vermeintlichen Startplatz ohne das Fliegen überhaupt in Erwägung gezogen zu haben. Das Gebiet ist zu „normalen“ Wetterbedingungen mit Sicherheit ein gigantischer Ausgangspunkt für Streckenflüge, jedoch kann man dies auch z.B. in Serrone bei weitaus angenehmeren Startplatzeigenschaften haben.


Civitella Roveto.

Wir zogen weiter Richtung Westen, um eine weiteres „Mikro-Fluggebiet“ zu erkunden, das sogar in der italienischen Presse zu finden war. Der Bürgermeister wolle wohl den Gleitschirmsport ins Tal ziehen, wir sehen bei den Bedingungen jedoch ziemlich dunkelgrau… Wir befanden uns nun bereits in den Aburzzen, genauer gesagt im Valle Roveto, wo es laut italienischer Websites in Civitella Roveto möglich sein sollte Gleitschirm zu fliegen.
Auf dem Weg nach Civitella haben wir uns intensiv nach potentiellen Landemöglichkeit im Tal umgeschaut. Leute, es schaut dünn aus mit Landen. Es gibt mit Sicherheit Plätzchen, wo man landen „kann“, wenn man landen „muss“. Unter normalen Umständen, aber nie in Erwägung ziehen würde zu landen. Dieser Bereich wird vermutlich meist überflogen. Laut Satellitenbild ist der Startplatz auf knapp 1600 amsl, grasig mit angenehmer Hangneigung. Von unten aus betrachtet, scheint dem auch so zu sein. Wir aber gingen erstmal zum „Landeplatz“. Es ist ein schon einigermaßen großes Fußballfeld zwischen dicht bebauter Stadt und dem Fluss. Man kann hier theoretisch also landen. Bereits vormittags ist der Talwind kräftig und durch die Mauern und die Gebäude, die das Fußballfeld umgeben, hat man hier eine ziemlich gemischte Windsituation. Wir hatten da irgendwie keinen Bock drauf und fuhren weiter.


Avezzano.

Ein riesiger Talkessel mit einem Buckele in der Mitte –einer der ominösen parapendio.it-Startplätze, der auch unter Cese bekannt ist. Wir fuhren also mit wenig Hoffnung, dass wir jemals zum Fliegen kommen würden, mit dem Auto zur Madonna Pietracquaria und gingen zu Fuß bis zu den Antennen am nördlichen Ende des Kamms. Es war bereits mittags und die Sonne brannte uns beinahe nieder. Theoretisch findet man hier in jede Himmelsrichtung grasige Startmöglichkeiten, wenn man sich etwas umschaut. Es wehte vorerst schwacher SW-Wind, aber mit einem Schlag frischte ein starker Ostwind auf und an Fliegen war gar nicht mehr zu denken. Und nicht allzufern rauchten die Berge.


Gagliano Aterno.

Unterwegs nach L’Aquila machten wir nochmal kurz Halt, um das Fluggelände bei Gagliano Aterno zu inspizieren. Die Stadt selbst ist durch die Erdbeben stark geschädigt worden – aber man baut wieder auf. Der Startplatz ist vom weitläufigen Landeplatz einsehbar und schaute nach Potential aus, zumindest der grasige Teil oberhalb des dichten Waldes. Landen kann man im Tal überall problemlos, jedoch erfuhren wir von einem Gärtner, dass das brennende Secinaro aktuell evakuiert würde, da die Waldbrände sich nähern würden und das Feuer unaufhaltsam brannte. Im Dorf ist man überzeugt, dass die Waldbrände diversen Feuerteufeln zuzuschieben sind, welche den Staat damit erpressen wollen. Wir stiegen wieder ins Auto und fuhren weiter Richtung Norden, wo die Natur einerseits wunderschön, andererseits schwarz verkohlt war.


Campo Imperatore.

Spät Abends passierten wir L’Aquila, das einer riesigen Baustelle ähnelt und fuhren weiter bis nach Assergi. Dort gab es dann eiskaltes Brunnenwasser zum Duschen und in dem einzig gut bewerteten Restaurant des Dorfs bekamen wir keinen Platz mehr. Wir genügten uns also mit trotzdem ganz angemessener Pizza und Pasta außerhalb des Stadtkerns und übernachteten bei Fonte Cerreto. Am nächsten Morgen wollten wir wohlwissend, dass es mittags zu stürmischen Windbedingungen kommen könnte, so früh wie möglich zum Startplatz – diesmal mit Schirm! Also knickten wir ein und kauften uns eine einfache Bergfahrt zum Campo Imperatore.
Es besteht die Möglichkeit mit dem PKW ganz hinauf zum Campo zu fahren, was scheinbar die meisten Italiener auch machen. Daher waren die Parkplätze wie ausgestorben und der Liftler meinte wir sollen auf dem unteren Parkplatz landen. Ziemlich hirnrissige Idee, da der Parkplatz zwar groß genug wäre, aber von drei Seiten durch hohe Stromleitungen begrenzt und die vierte bewaldet ist. Insbesondere bei thermischen Verhältnissen bei der Landung hat man relativ wenig Reserve. Wir hofften aus der Luft eine ideale Landewiese zu finden.
Oben angekommen ging es erstmal zum Frühstück in den rot gestrichenen Betonbunker, der auch bereits gut in die Jahres gekommen war. Am Landeplatz wehte kaum ein laues Lüftchen und wir wogen ab, wie lange wir warten sollten um mit Wind zu starten, aber nicht von turbulentem Wind beim Landeplatz überrascht zu werden. Im Tal war eine Inversionslage zu erkennen, unter der sich die dicken Rauchschwaden sammelten. Nicht allzu lange Fackeln, sondern Auspacken war die Devise.
Der Startplatz selbst ist riesig, jedoch relativ flach und am Ende steil abfallend. Bei wenig Wind nicht unbedingt ein Traum, aber definitiv das Beste was wir an dem Tag kriegen würden. Also waren wir kurz vor 11 Uhr in der Luft und wussten nicht wirklich was uns da erwarten würde – die überall vorherrschenden Waldbrände, kein Regen seit über einem halben Jahr und die Beobachtungen der letzten Tage haben bereits für ausreichend Kopfkino gesorgt. Oberhalb der Inversionsgrenze war die Luft jedoch ganz ruhig, darunter kam minimal Schwung in die Sache, sonst nichts. Am Hang war auch nicht viel zu holen. Erst etwa 200 Höhenmeter über dem Landeplatz konnte man in vereinzelten Fetzen etwas Höhe machen, was das Landen entsprechend sportlicher gestaltete.
Der Landeplatz selbst ist östlich vom großen Parkplatz und ist im Außenbereich durch einzelne Bäume begrenzt. Der südliche Wind war mittags bereits sehr böig und thermisch durchsetzt. In der Zeit in der wir packten, nahm die Windstärke auch kontinuierlich zu, so dass eine Landung zur Mittagszeit in den Sommermonaten nicht zu empfehlen ist. Ansonsten ist es mit Sicherheit ein traumhaftes Fluggebiet mit Streckenpotential für die Herbstmonate.


Monte Christo.

Neugierig wie ich bin, wollte ich noch unbedingt den potentiellen Soaringspielplatz erkunden, der als Monte Christo bezeichnet wird. Man folgt der Passstraße Richtung Campo Imperatore und kann von dort bereits die Hügellandschaft mit westlicher Ausrichtung bewundern. Hier ging früher mal ein Lift hoch, jetzt findet man nur noch weitläufige Wiesen, vereinzelte Bäume und viele Windfähnle. Am untersten „Startplatz“ vom Monte Christo angekommen, kam jedoch die Ernüchterung. Wind, wenn dann aus Süd, böig und hier oben mit Sicherheit nicht ausreichend um zu Soaren. Ähnliche Infos haben wir auch von anderen Piloten bekommen, d.h. wenn Soaren dann zum späten Nachmittag, wenn die Sonne auf West geht.
Wir wollten uns den Spaß nicht verderben lassen, würfelten wer Fliegen durfte und machten einen Schirm fertig. Easy-going kam Alex in die Luft. So richtig tragen wollte es aber nicht, daher schaute er zu, dass er über den „Einen“ Buckele kam, um nicht in einer der vielen Kuhlen landen zu müssen. Es gibt einen riesigen Talboden, wo man mit einem Kleinflugzeug landen könnte und dort sammelte ich ihn wieder. Bei ausreichend Wind kann man unten starten und bis auf 2000 amsl hochsoaren und hat eine Ansammlung von Buckeln, an den man sich hocharbeiten kann.
Fazit: Irgendwie haben wir uns das mit dem Fliegen in Mittelitalien anders vorgestellt, aber durch Zwangsurlaub sind wir wohl zur falschen Zeit hier und die Dürre setzt noch das Tüpfelchen aufs i. Wer im Frühjahr vor der Schmelze in den Alpen flüchten will, ist im Lazio und südlicher sehr gut aufgehoben. Der Herbst jedoch erst macht die Abruzzen und Umbrien zu einem Gleitschirmparadies. Im Sommer kann man sich hier höchstens ans Meer flacken, wem das gefällt, und Essen, was uns hingegen gefällt. Der Campo Imperatore ist auch eine schöne Alternative zu Castelluccio, da man hier neben guter Infrastruktur auch mehr Flugmöglichkeiten hat.

 


Informationen.


NameCampo Imperatore
GruppeGran Sasso d’Italia
RegionMonte della Laga/Abruzzo
StartrichtungenSW, S
TalortFonte Cerreto/Assergi
GPS (Berg)42.440968, 13.560091
GPS (Tal)42.423121, 13.527861
Höhe Startplatz [amsl]2200
Höhe Landeplatz [amsl]1092
AufstiegsvariantenEs gibt drei Aufstiegsvarianten, wobei die beiden Fußwege sich nicht viel Unspektakularität nehmen. Beide Wege starten bei der Talstation der Bergbahn. Einer geht weitgehend kurvenfrei unterhalb der Bergbahn und der zweite in einer westlichen Rippe in kurzen Serpentinen bis zum Campo Imperatore. Die dritte Aufstiegsmöglichkeit ist die bereits erwähnte Bergbahn.
StartplatzFlacher großer Wiesenstartplatz mit stark abfallender Hang. Bei wenig Wind sollte man bei Bedarf rechtszeitig den Startabbruch durchführen, da es am Ende der Wiese unangenehm stark abfällt. (keine typische Kante)
FlughinweiseLaut Einheimischen ist hier in den Sommermonaten mit heftiger Thermik zu rechnen. Insbesondere nach längeren Trockenperiode sind die Flugbedingungen sportlich. Landung zur Mittagszeit ist nur sehr erfahrenen Piloten zu empfehlen. Morgens vor 11 Uhr trifft man auf ruhige Bedingungen am Startplatz.
LandeplatzWeiträumige Wiese mit hohem Gras, mit einigen vereinzelten Bäumen. Im Sommer ab 11 Uhr bereits stark thermisch, Tendenz zunehmend! Locals landen teilweise auf dem Parkplatz. Dies ist jedoch nicht empfehlenswert, da der PP von beiden Seiten durch hohe Leitungen begrenzt ist.
Talwind am LandeplatzW/SW


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.



Monte Christo.


 

NameMonte Christo
GruppeGran Sasso d’Italia
RegionMonte della Laga/Abruzzo
Startrichtungen(SW,) W
TalortFonte Cerreto
GPS (Berg)42.395191, 13.564862
GPS (Tal)42.391732, 13.553210
Höhe Startplatz [amsl]1600+
Höhe Landeplatz [amsl]1375
 



Lazio e Abruzzo.


 

NameSan Donato Val di Comino
GruppeMonti Marsicano
RegionLazio
StartrichtungenW, SW, S
TalortMolito
GPS (Berg)1. 41.726551, 13.782949
2. 41.742403, 13.788850
GPS (Tal)41.700261, 13.780486
Höhe Startplatz [amsl]1, 1127
2, 1690
Höhe Landeplatz [amsl]430
 


 

NameCivitella Roveto
GruppeMonti Cantari
RegionAbruzzo
StartrichtungenSW
TalortCivitella Roveto
GPS (Berg)41.934004, 13.454398
GPS (Tal)41.918787, 13.424786
Höhe Startplatz [amsl]1462
Höhe Landeplatz [amsl]517
 


 

NameAvezzano
GruppeMonti Magnola-Velino
RegionAbruzzo
StartrichtungenSW,W / NO, O, SO
TalortCese/Avezzano
GPS (Berg)1. 42.034060, 13.395803
2. 42.038870, 13.394939
GPS (Tal)1. 42.029873, 13.380909
2. 42.041149, 13.408071
Höhe Startplatz [amsl]1100
Höhe Landeplatz [amsl]700
 


 

NameGagliano Aterno
GruppeMonti Sirente-Velino
RegionAbruzzo
StartrichtungenO, SO(, S)
TalortGagliano Aterno
GPS (Berg)42.115851, 13.672090
GPS (Tal)42.109234, 13.71026
Höhe Startplatz [amsl]1408
Höhe Landeplatz [amsl]639