Unverhofft kommt oft.

 

 
Auf der Suche nach neuen Startplätzen und auf der Flucht vor der Hitze auf dem Lande verschlug es uns zuerst ans Meer Richtung Terracina und Gaeta. Wir wollten über den Tag am Meer „urlauben“ und abends dann vielleicht einen Abgleiter zur Sperlonga machen. Weit gefehlt. Die Strände voll und nichts tun ist anstrengend, der Zugang zum Startplatz gesperrt und Frust bei überhitztem Gemüt (> 35 °C!) entsprechend groß. Die Entscheidung fiel schnell: nichts wie weg hier. Ab in die Berge. Ab nach Boville Ernica. Einem kleinen Buckele im nirgendwo des Latiums.

Unterwegs in Landesinnere begleiteten uns die ersten Löschflugzeuges in einer Dreierkolonne, was sich im Rest des Urlaubs leider als Regelmäßigkeit entpuppte. Es brannte überall. Wir steuerten vom Meer Richtung Frosinone, einem kleinen verschlafenen Städtchen. Sobald man von der Schnellstraße runterfährt, fängt das Abenteuer jedoch an. Allein die Auffahrt entlang des langgezogenen Hügels ist durch das Panorama gigantisch.

Nach einigem Gekurve kam uns auch der Gedanke, ob wir überhaupt richtig sind und wo man denn hier bitte fliegen können soll. Aber Vertrauen ist immer gut, daher folgten wir dem Straßenverlauf. Dann plötzlich steht man vor den Toren – ja, Toren – von Boville Ernica. Der Ausblick ins Tal rundum ist wirklich mehr als das was wir erwartet haben.

Wir hatten nur die ominösen GPS-Daten aus der DHV-Datenbank, die uns sowieso suspekt vorkamen, aber folgten weiter brav dem Straßenverlauf, der wie ein Ring um das alte Stadtzentrum führt. Auf der Südseite parkten wir den alten Wilfred vor dem Museo Civico und machten uns zu Fuß auf die Suche. Aber alles was wir fanden, waren Stadtmauern und Olivenhaine. Und nu?

Zum Glück kreuzte uns dann doch noch ein Mensch den Weg und ich fragte nach. Wir müssten von dem südlichen Stadttor ein kurzes Stück zerfallende Asphaltstraße Richtung Tal folgen (alte bzw. 4×4-Auffahrt) und dann sofort rechts in den Schotterweg biegen. Dort folge man dem Pfad und hält sich vor dem Olivenhain links. Und tatsächlich befindet sich dort ein tiptop-gepflegter Startplatz!

Zu unserer Überraschung waren wir nicht mal die einzigen Flieger! Es hockten bereits zwei ältere Herren auf der gezimmerten Holzbank und dokumentierten fleißig die Windstärke. Weit über 20 km/h, ohne die Böen zu rechnen. Hm. Der thermisch bedingte Wind sei durch die abartige Hitze der letzten Wochen und Monate einfach heftig und diese Saison seien die Flugbedingungen sowieso schwierig gewesen. Uns kam der Gedanke, dass es Anfang September/Ende August einfach zu früh für Mittelitalien ist…Aber nur nicht verzagen, abwarten.

Nach einer Stunde dann – weit nach 18 Uhr – flaute der Wind aber endlich ab! Also nichts wie in die Luft. Der Wind stand stramm an und es ging ohne viel Beitun nach oben. Man kann bis hinter zum Friedhof fliegen, wobei man hier auf die Leitungen im Berg achten muss. Man sollte auch mit ca. 500 amsl beim Friedhof abfliegen, wenn es im Gleitflug Richtung Startplatz gehen sollte.

Wir hingegen waren im nu über der Stadt und genossen das 360 ° Panorama. Die Landschaft der Ciociaria ist atemberaubend. Hunderte kleiner Buckele im Kessel und auf jeden haben sie ein Dörfchen gepflanzt. Kein Wunder, dass Boville Ernica selbst auch ein Mitglieder der I borghi Pia belli d’Italia ist und somit einer der schönsten Orte Italiens ist.

Das Soaring ist unterhalb von 700 amsl ein Genuss der Extraklasse. In unserem Fall jedoch sollte man nicht drüber kommen, da einen sonst eine üble Windscherung (strammer Nord!) erwischt hat. Die massive Überentwickling in den Monti della Meta bei San Donato Val di Comino sorgte scheinbar für mächtigen Zug. Die knapp 300-400 Meter Höhendifferenz lassen aber ohnehin genügend Raum übrig, um sich auszutoben.

Unten am Landeplatz teilten wir unsere Freude über den außerordentlich schönen Flug zur Freude unser italienischen Kollegen. Die beiden freuten sich riesig und luden uns für den nächsten Abend zu einem Abendessen unter Freunden in Frosinone ein. Wer kann da nein sagen. Es wird auch nicht akzeptiert, dass der „Gast“ zu Fuß den Berg hinaufgeht, also wurden wir förmlich in einen alten Jeep geladen und über die Rüttelpiste wieder zurück nach Boville Ernica chauffiert.

Da wir erst am nächsten Abend verpflichtet waren, holten wir uns noch eine Empfehlung für ein Abendessen und spazierten durch das verträumte Städtchen. Essen gab es dann im Il Frantoio und ganz ehrlich, ich hätte a) ohne Info nicht gewusst, dass dort Essen serviert wird und b) hätte dort keinen Fuß reingesetzt. Aber Leute, es lohnt sich. Das Restaurant befindet sich in den uralten Gemäuern, ist im Sommer schön kühl und es gibt keine Karte! Man hat die Wahl zwischen drei Hauptgerichten und man sollte unbedingt die schleierhaften „Antipasti“ nehmen…Denn dann werden einem 20 Teller mit unterschiedlichsten Köstlichkeiten auf den Tisch gestellt…also alleine deswegen kommen wir nach Boville Ernica wieder. Nomnom. Unterhalb des Stadtzentrums gibt es auch einen Camperstellplatz (ohne Sanitäranlagen).

Fazit: Unsere beiden Kameraden sind Clubmitglieder von Save The Thermals und kümmern sich ganz liebevoll um das „Fluggebiet“ und Gastpiloten, die sich aus Versehen daher verirren: in dem Fall uns. Es ist ein Mikro-Fluggebiet und wer Streckenpotential sucht, ist hier falsch. Wer aber einen der schönsten Fleckchen Italiens mit einem Genussflug und gut gefüllten Magen kombinieren will, ist hier goldrichtig!


Informationen.


NameBoville Ernica
GruppeMonti Ernici
RegionCiociaria/Lazio
StartrichtungenSW
TalortPozzo Papa/Brecciaro
GPS (Berg)41.640456, 13.471868
GPS (Tal)41.636426, 13.464361
Höhe Startplatz [amsl]437
Höhenunterschied [m]264
AufstiegsvariantenVom Landeplatz geht es erst querfeldein zum Fuße des Berges. Mittels breiten Wanderweg kann man die lange Serpentine der Asphaltstraße umgehen und muss sich eigentlich nur bergauf orientieren.
StartplatzGepflegter Wiesenstartplatz mit entspannter Neigung ohne Hindernisse.
FlughinweiseTagsüber kann es in den Sommermonaten starkwindig sein. Zum frühen Abend hin flaut der Wind jedoch zu idealen Soaringverhältnissen ab. Man kann gut 500 Höhenmeter machen – sollte jedoch auf abweichende Windverhältnisse in höheren Windbändern aufpassen.
LandeplatzGroßzügige Wiese, wobei wir die Info erhalten haben: Landen kann man überall, stört niemanden.
Talwind am LandeplatzNW


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.