Exploring a thing called comfort-zone.

 

 
4 hPa Druckdifferenz. Föhnig. AustroControl prognostiziert „kaum“ Thermik, immerhin. Für den Fall eines klassischen Absäufers möchten wir dennoch etwas mehr tun als Bahnfahren, also fällt die Entscheidung zur Bad Kissinger Hütte zu wandern.

Wir haben unseren Hike & Fly in Grän-Lumberg gestartet und mussten für den geräumten Parkplatz 3 Euro für 4 Stunden blechen (Tagesrate 4 Euro). Zeitgleich haben sich ein Dutzend Skitourengeher fertig gemacht, die vermutlich alle zum Füssener Jöchle wollten. Wir hingegen sind dem Forstweg Richtung Aggenstein gefolgt. Aufgrund der warmen Temperatur hat sich der Schnee bereits gut gesetzt und den Weg kann man als bombenfest gefroren bezeichnen. Kein lästiges Einsacken. Die Gamaschen waren also überflüssiges Gepäck. Genauso wie die Jacke, der/das/die/la Buff und die zweite Hose, die ich vor Überhitzung nach 10 Minuten ausziehen musste.

Anbetracht meiner gigantischen Kopfschmerzen habe ich einen Föhn erwartet, aber in der Luft waren wieder viele Ballonfahrer zu sehen. So stark konnte der Wind also gar nicht sein. Alex hat sogar einen Streifen Paracetamol im Schnee gefunden, die vermutlich just von einem der Tourengeher verloren worden ist. Ich habe mir nach einem kurzen Qualitätscheck direkt eine davon gegönnt und gehofft, dass damit auch das Kopfweh adé ist.

Nach knapp zwei Stunden waren wir dann bei der Hütte. Östlich befindet sich sogar eine Windfahne, aber irgendwie kam der Wind zu sehr aus Südwest als, dass man dort hätte anständig starten können. Wir schauten uns auch den neuen Winterraum der Bad Kissinger Hütte an. Wirklich sehr nett hergerichtet, inklusive Gaskochplatte, Gasheizung und sogar elektrischem Licht.

Wir sind auf der Suche nach einem geeigneten Fleckchen zum Starten weiter Richtung Aggenstein gelaufen. Die Wiesen werden jedoch zunehmend steiler und bei der Restmenge Schnee hatten wir nicht wirklich Lust auf potentielle Rutschpartien gen Tal. Zwischen dem Monolithen und der Bad Kissinger Hütte haben wir aber eine schneefreie Schulter gefunden, von der wir ganz gut gegen Südwest starten konnten. Fun fact: Bei den Startvorbereitungen habe ich eine Invasion der Supergämse befürchtet, da sich plötzlich eine Horde (mindestens 5 Mijooonen! Nein, aber vermutlich um die 50 Stück) oberhalb des Startplatzes auf einen Beobachtungsposten positionierten. Diese lustigen kleinen Tierchen erfreuen einen doch immer wieder.

In gemütlicher Thermik ging es dann mit weit über 3 m/s an der SW-Flanke des Aggensteins hoch und in kürzester Zeit konnten wir Überhöhen. Unglaublich cool für einen Januar-Flug. Wenn das nicht genug gewesen wäre, haben wir uns dann Richtung Brentenjoch gewagt und auch da ging es erstaunlicherweise ganz gut zum Fliegen. Auf Grund mangelnder Flugerfahrung war mir das Ganze zwar nicht wirklich geheuer, aber irgendwann muss man ja damit anfangen außerhalb seiner eigenen Gemütlichkeit zu fliegen. Erfahrene Flieger müssen da mit Sicherheit schmunzeln, aber die Entscheidung eventuell beim Fliegen doch zu Versemmeln und zum Auto trampen zu müssen, muss auch erstmal getroffen werden. Guter Hoffnung ging es für mich/uns dann also zum Füssener Jöchle, wo reger Skibetrieb herrschte. Überall wo ein bisschen Fels und schneefreier Wald war, ging es aber jippie teils in halbstarker Thermik hoch.

Einmal Blut geleckt, flog ich dann ohne groß zu Zögern weiter zur Rotflüh. Wenn man sich schon außerhalb seiner Komfortzone bewegt, dann sollte man auch bitte klotzen und nicht kleckern. Zum Dank für den Übermut ging zuerst gar nichts. Es kann natürlich an der Abflughöhe gelegen haben, aber bei weit unter 2000 amsl konnte man die Landeloipen auf dem Haldensee schon ganz gut erkennen. Lustigerweise muss man sich jedoch beim Fliegen scheinbar auch zum Fliegen motivieren. Das heißt Zusammenreißen und nach dem ersehnten Piep suchen. Und dann war es irgendwann soweit. An einer seltsamen Stelle fing das Vario an zu Piepen und durch langwieriges Achtern konnte ich mich wieder über die Baumgrenze hochhangeln.

Da die Hoffnung zuletzt stirbt und jetzt schon zurückfliegen noch keine Option war, flog ich weiter zum Gimpelhaus mit der Prämisse, dass es dort mit Sicherheit gehen musste. Ganz sicher, oder…Glücklicherweise stand dort ein kräftiger Bart mit dem ich auf knapp 2400 amsl aufdrehen konnte. Mit der Höhe ging es weiter über den Schneid zur Gehrenspitze. Wieder eine relativ enttäuschende Geschichte. Irgendwie kam hin und wieder ein starker Nordwind durch und ich konnte nicht richtig einen Anschluss finden. Ich habe mich nach einem hin und her Gewackel an die Fersen eines großen Piepmatzes (großes brauner Greifvogel mit weißen Flecken in der Mitte der Flügel?) gehängt und konnte zumindest mit 0.2 m/s Höhe gewinnen. Kurzzeitig war mir so langweilig, dass mich ernsthaft der Landeplatz am Hahnenkamm angelacht hatte. Irgendwie habe ich dann doch den inneren Schweinehund überwunden und konnte mich motivieren mit etwas mehr Elan die Gehre zu überhöhen.

Der Rückweg war insgesamt etwas knapp kalkuliert, aber ich habe fest darauf gebaut, dass das Gimpelhaus noch ordentlich einfeuert. So war es dann auch, weswegen einem Rückflug über das Füssener Jöchle Richtung Aggenstein nichts im Wege stand. Da die Luft trotz fortschreitender Stunde und wider Erwarten immer noch ganz gut getragen hatte, wollte ich meine unmöglichen Möglichkeiten noch weiter ausreizen. Talsprung zum Einstein ging ganz gut und am Einstein selbst konnte ich sogar noch ein paar Höhenmeter machen. Aber hin und wieder kam ich in ein turbulentes Sinken und die Luft war alles andere als schön. Safety first, machte ich mich also auf den Rückweg und siehe da, Sinken ohne Ende. Blöd. Ich versuchte es Richtung Talmitte, wo das Sinken zum Glück weniger geworden ist. Trotzdem stand ich voll im Beschleuniger und erwischte unterwegs nur mindere thermische Heber. Letztendlich landete ich zumindeste vor dem Parkplatz, da ich es nicht mal zur Wiese dahinter geschafft habe. Dem unangenehmen Talwind aus dem Ahrntal sei Dank. Ein Firlefanz und das im Jänner.

Die Bad Kissinger Hütte ist ein super Hike & Fly Ziel, auch im Winter. Der Anstieg ist kurz und die Startbedingungen in Ordnung. Bei weniger Schnee kann man auch noch ein paar Meter mehr rausholen und Richtung Aggenstein gehen. Dort muss man mit anspruchsvolleren Startbedingungen rechnen.


Informationen.


NameBad Kissinger Hütte
GruppeTannheimer Berge
RegionAllgäuer Alpen
StartrichtungenSW, S, SO
TalortGrän Lumberg
GPS (Berg)47.534569, 10.561998
GPS (Tal)47.515781, 10.555567
Höhe Startplatz [amsl]1792
Höhenunterschied [m]643
Aufstiegsvarianten1. Aufstieg ausgehend von Grän Lumberg. Man folgt zuerst der Forststraße und hält sich im weiteren Verlauf entlang des ausgeschilderten Weges 411. Die Hütte ist kaum zu verfehlen.
2. Aufstieg zum Joch östlich der Hütte ist auch aus Pfronten-Steinach möglich. Ggf. kann man auch mit der Breitenbergbahn abgekürzen.
StartplatzKurze Wiese westlich der Bad Kissinger Hütte bietet sich für Starts im Winter an. Höher gelegene Areale zunehmend steil und bei entsprechenden Bedingungen (schneefrei, mäßige Brise) auch gut zum Starten geeignet.
FlughinweiseAuf Materialseilbahn der Bad Kissinger Hütte achten
Landeplatz1. Offizieller Landeplatz Neunerköfple
2. Freie Wiesenflächen rundum Grän
Wind am LandeplatzLandeplatz Neunerköpfle westlich, in Grän nördlich


Bildergalerie.



Kartenmaterial zum Nachhiken.